Das Böse gestern, das Böse heute

Der Antisemitismus darf nicht ins Reich eines unergründlichen Geheimnisses verbannt werden, besteht er doch nicht nur zuletzt aus konkreten Akten des Massenmordes. Die Geschichte der Judenfeindschaft reicht weit zurück: sie nahm in den Tagen Alexander des Großen ihren Anfang und wechselte über die Jahrhunderte mehrmals ihr Gesicht. Sie wurde religiös, ökonomisch oder biologisch »begründet«, sie äußerte sich spontan und brutal oder mit rational planender Kälte. Der Antisemitismus ist also von trauriger Realität, und das seit mehr als 2000 Jahren. Dabei wissen nicht einmal die Verfolger der Juden genau, warum sie verfolgen: weder die Christen, die nach 17 Jahrhunderten voller Ausschreitungen sich vom Vorwurf des Christusmordes distanzieren, die Juden für unschuldig erklären, sich selber nachträglich in Hunderttausenden von Fällen des willkürlichen Mordes bezichtigen und glauben, sich mit einigen wenigen Erklärungen entlasten zu können, noch die Nazis und ihre verabscheuenswerten Nachfolger, die in ihren rassistischen Reden den Judenhaß mit der wissenschaftlich völlig unhaltbaren Theorie von der »Rassenreinheit« begründeten und immer noch begründen. Aber es gibt keine deutsche Rasse. Deutschland hat, wie alle anderen Länder der Erde, im Lauf der Jahrhunderte mehrere Einwanderungswellen erlebt, und nicht zuletzt ist es wissenschaftlich erwiesen, daß eine »reine« Rasse aufgrund ihrer genetischen Verarmung ziemlich degenerieren würde. Es gibt nur eine einzige und unteilbare menschliche Rasse. Eine »reine« Rasse wäre eine Rasse der Debilen, und so gesehen haben die Vertreter der Rassenreinheitstheorie vielleicht sogar recht, wenn sie sich als Abkömmlinge einer reinen Rasse ausgeben...
Die Feindschaft gegen Juden hat im Laufe der Geschichte viele Formen angenommen, entsprechend schwierig ist es, eine Gesamtdarstellung zu verfassen. In seinem im Piper Verlag in deutscher Übersetzung erschienenen 450seitigem Werk Verfolgt und auserwählt sieht Gerald Messadié den Antisemitismus als Einheit über die Jahrhunderte hinweg, er nähert sich dem Problem mit Weitsicht und Sensibilität, gestützt auf sein enzyklopädisches Wissen. Er untersucht die Judenfeindschaft in den großen Zivilisationen, bei den Griechen, den Römern, im europäischen Mittelalter bis hin zur Moderne und zum Nationalsozialismus. Er stellt Zusammenhänge her, ohne unzulässig zu vereinfachen. Seine große Schilderung beginnt mit dem Blick auf die Rolle der Juden in der antiken Welt und wechselt in den Hauptteil des christlichen Antijudaismus, der seit der Wandlung des Juden Saulus zum Christen Paulus zweitausend Jahre lang bestehen sollte. Im 19. Jahrhundert beginnt dann die mörderischste Variante des Judenhasses: der nationalistisch-rassistische Antisemitismus, der seinen Höhepunkt, aber nicht Abschluß, in Auschwitz findet.
Die von Messadié verwerteten zahlreichen, aus Gründen der Scham in der Versenkung verschwundenen, antisemitischen Texte des 20. Jahrhunderts wirken auf den ersten Blick wie eine Herausforderung an die historische Wahrheit, dann wie erdrückendes Beweismaterial für den pathologischen Charakter ihrer Verfasser. Selbst Leser mit nur geringen Psychologiekenntnissen haben die wesentlichen Punkte dieser Wahnvorstellung schnell erfaßt: eine Wahrheitsfindung über logische Schlußfolgerungen, in diesem Fall über eine historische Neuinterpretation, wird von vorneherein abgelehnt. Durch geschickte rhetorische Mittel wird diese Paranoia jedoch verschleiert.
Die Zahl der Fakten und Dokumente zum Thema Judenverfolgung in dieser Zusammenstellung ist überwältigend. Man findet nicht ein einziges Schriftstück, das Anlaß gäbe, an dem 2000 Jahre alten Antisemitismus zu zweifeln. Die Theorien, die ihn verneinen oder zumindest infrage stellen, werden zwar vielfach angeprangert, doch auf deren unbegreifliche Frivolität hat man im allgemeinen nicht deutlich genug hingewiesen. Der Antisemitismus hat Millionen von Menschenleben gekostet, und nun sollen ausgerechnet seine militantesten Vertreter, die Nazis, den Juden kein Leid zugefügt haben! Diese Thesen sind so absurd, daß man sie schon allein deshalb mit einem einfachen Schulterzucken quittieren sollte.
Mitnichten ist das eindeutig pathologische Phänomen des Antisemitismus nicht nur für die Betroffenen selber, nämlich die Juden, von Belang, oder eventuell noch für Historiker und alle diejenigen, für die der unaufhörliche Kampf gegen das Absurde ein existentielles Bedürfnis ist. Der Antisemitismus betrifft jeden zivilisierten Menschen, auch wenn er es nicht wahrhaben will. Denn was hier infrage gestellt wird, ist die ureigenste Natur des Menschen, das Bild, das er sich von sich macht, das Vertrauen, das er zu sich und seinen Mitmenschen hat, und seine Überzeugung, anders leben zu können als eine Bakterie oder ein Raubtier. Der Gedanke, daß in einem selber ein Hitler schlummern könnte, kann einen in tiefen Schrecken versetzen. Hitler, Himmler und andere spätere Nazis waren zunächst einmal unzufriedene Bürger, die sich in nichts von anderen Bürgern unterschieden. Sie befanden sich plötzlich, ganz passiv, im Sog eines haßerfüllten, identitätsbildenden Nationalismus, der durch die konfuse Ideologie des für die damalige Zeit typischen deutschen Nihilismus nur noch schlimmer wurde. Messadiés Meinung nach hat man die erschreckende Passivität der Nazis nie deutlich genug hervorgehoben: man hat sie oft für verrückt gehalten. In Wirklichkeit waren es Marionetten, die Hirngespinsten nachjagten und den Intellekt ablehnten.
Messadié ist es gelungen, die großen Zusammenhänge deutlich zu machen, ohne die vielfältigen Ursachen der Judenverfolgung zu vernachlässigen. Sein Buch ist eine wichtige Ergänzung zur Geschichte der Juden, die immer auch verknüpft ist mit der Geschichte des Antisemitismus, der, ganz gleich, ob nun griechisch-römisch, christlich oder modern, einer der vielen Aspekte des Absurden in der Welt ist. Jeder, der sich mit den Untaten beschäftigt, welche die Juden erfahren haben, muß angesichts dieser unmenschlichen Absurdität zwangsläufig verstört sein. (Das von Messadié geschilderte Schicksal eines Primo Levi, der zwar die Lagerhaft überlebt, aber sich hinterher umgebracht hat, weil er die Erinnerung daran nicht ertragen konnte, ist eines der eindringlichsten Bilder in diesem Buch.)
Es ist ein Widerspruch der Geschichte, daß man den Juden die Schuld an ihrer Vertreibung anlastete, obwohl ja gerade sie sich ohne Probleme mit einem Leben außerhalb ihres angestammten Heimatlandes »abgefunden« haben, sie aber gleichzeitig wegen ihres »starken Nationalempfindens« für gefährlich hält. Ein Kapitel dieses Buches zeigt auch, wie kriminell eines Geisteshaltung ist, die, wie in den beiden Weltkriegen, das Töten von Ausländern gutheißt, nur weil sie Ausländer sind. Für andere ist der Antisemitismus denn auch durch seine weit zurückreichende Tradition gerechtfertigt. Man beruft sich auf die uralten Erfahrungen der Nationen (und wer von »Nationalität« spricht, meint eben »Nation«): allein schon die Tatsache, daß er geboren wurde, wird dem Juden zum Vorwurf gemacht.
Der Leser sollte sich darauf einstellen, daß hier Geschichte zwar als »Forschungsgegenstand« präsentiert wird, nicht jedoch als fertige These. Messadié schreibt die Geschichte des Antisemitismus und nicht die der Shoah, die Geschichte einer Geisteshaltung, nicht die des jüdischen Volkes. Aus diesem Grund muß oft weit ausgeholt werden. Denn, wie die Historikerin Suzanne Citron zitiert wird, »arbeitet jemand, der sich mit Geschichte beschäftigt, an Mythen«. In diesem Buch gilt es, mit den am Judaismus klebenden Mythen aufzuräumen. Ein aufklärerisches Werk von großer Übersicht und Klarheit.

Gerald Messadié
Verfolgt und auser-
wählt. Die lange Ge-
schichte des Antise-
mitismus
Deutsche Ausgabe:
Piper Verlag, 448
Seiten, geb., ISBN
3-4992-04253-8

Nur wenn ich lache

Während der Osterprogrome in Polen: Katholiken nageln nach dem Kirchgang einen Juden an seine Tür. Ein vorbeigehender Pole fragt ihn: »Na, Jankel, tut’s weh?« Der malträtierte Jude: »Nur wenn ich lache!«

Diese Haltung steht leitmotivisch über der Sammlung kurzer Geschichten von jüdischen Schriftstellern der mittleren und jüngeren Generation, die sich mal spielerisch, mal herausfordernd und dann wieder nachdenklich mit dem Leben auseinandersetzen.

»Was den Unterhaltungswert angeht«, schreibt Henryk Broder, »ist das Judentum anderen Religionen und Zivilisationen weit überlegen.« Um so verständlicher ist es, daß die jüdischen Autoren der zweiten , das heißt der nach dem Holokaust geborenen Generation sich nicht damit abfinden wollen, als »Kinder der Opfer« zu leben. Statt dessen versuchen sie, mit dem idealisierten Bild der Juden als »makellos edlen Menschen« zu brechen.

Anstelle der großen Themen rücken menschliche Schwächen, Sexualität, Familienkonflikte, groteske Gepflogenheiten ins Blickfeld. Mit Gespür für Komik und Paradoxa werden die eigenen und fremde Verhaltensweisen beobachtet. Nachdenklichkeit, Trauer und die Reflexion über das eigene Schicksal werden immer wieder durch liebenswürdige Ironie und gelegentlich rabenschwarzen Humor in ein befreiendes Lachen verwandelt.

Die vorliegende, in dieser Form einmalige Sammlung enthält Erzählungen und andere Texte von: André Aciman, David Baddiel, Maxim Biller, Marcelo Birmajer, Henryk M. Broder, Micha Brumlik, Melvin Bukiet, Irene Dische, Nathan Englander, Alain Finkielkraut, Lea Fleischmann, Stephen Fry, Arnon Grünberg, Barbara Honigmann, Binnie Kirshenbaum, Elena Lappin, Doron Rabinovici, Rafael Seligmann, Art Spiegelman und anderen Autoren.

Olga Mannheimer & Ellen Presser Nur wenn ich lache
dtv 12955
384 Seiten,
€ 10,00