Sie war eine der schillerndsten Bühnen- und Filmfiguren der Republik. Am 31.05.1998 ist Lotti Huber in Berlin 85-jährig an Herzversagen gestorben. Erst im Alter hatte sie vor allem durch die Zusammenarbeit mit dem schwulen Filmemacher Rosa von Praunheim viel Anerkennung gefunden - nach einem sehr bewegten Leben. 1912 als Johanna Goldmann, Tochter eines jüdischen Textilfabrikanten geboren, machte sie - damals noch außergewöhnlich für Mädchen - Abitur und studierte Tanz. Die erste Liebe - eine Staatssünde im Nazireich - wurde als »Rassenschande« betitelt, es folgte eine Zeit der Inhaftierung in einem Konzentrationslager. Danach nichts wie raus aus Deutschland; Israel, Zypern. Erst Jahre später sollte sie wieder in ihr Berlin zurückkehren und zur (schwulen) Kultfigur werden. Die erste Biographie Diese Zitrone hat noch viel Saft schrieb Lotti Huber im Alter von 77 Jahren. Im Jahre 1998 erschien bei dtv ein weiteres Buch, an dem sie bis zu ihrem Tod gearbeitet hat: Drei Schritte vor und kein Zurück! Bargeflüster heißen die alltagsphilosophischen Be- und Erkenntnisse der Schauspielerin, die mit Gedichten, Liedern und Cocktail-Rezepten aufgelockert sind.

O-Ton Lotti Huber: Als ich 17 Jahre alt war, noch in Kiel, erlebte ich die große, wunderbare Liebe. Er kam mir eines Tages auf der Straße entgegen, im Trenchcoat, mit blonden, sonnendurchleuchteten wehenden Haaren, mit Augen so blau wie die Ostsee und einem strahlendem Lächeln, das mich wie der Blitz traf und mir die Knie weich werden ließ. Hillert war der älteste Sohn des Bürgermeisters. Unsere Romanze war überschwenglich und herrlich und endete schließlich fern von den Eltern und der Kindheit in der großen weiten Welt, in einer Wohnung in Berlin, ganz hier in der Nähe, am Kurfürstendamm. Eines Morgens stürmte die Gestapo unsere Wohnung und verhaftete uns wegen des unglaublichen Verbrechens der «Rassenschande«. Mein geliebter Freund wurde, wie ich kurz darauf in der Haft erfuhr, im Gefängnis per Genickschuß getötet. Sie ermordeten ihn, den starken blonden Sohn eines Bürgermeisters, weil er schlichtweg renitent war, sich gewehrt hatte oder weil sie halt

gerade Lust darauf hatten. Wer weiß das schon? Verstehen konnte ich das alles sowieso nicht, als Tochter großbür-
gerlicher deutscher Eltern, die ihr Vaterland für heilig hielten und sich ihres Vergehens der »falschen Rasse« erst sehr langsam und schmerzhaft be-
wußt werden mußten. Ich schaute nur verwundert auf

das Geschehen um mich herum, saß im Gefangnis mit einer Vielzahl von Frauen aus allen gesellschaftlichen Schichten, sah manche von ihnen von eigener Hand sterben in jenen Tagen, weil sie sich ihre Situation klarer machten als ich.

Mit einem Bein auf der Rampe von Auschwitz - Auch ich wollte nicht mehr leben, als ich die Nachricht von Hillerts Ermordung erhalten hatte, doch wußte ich gar nicht, wie man das anstellt. Einen Tag später wurde ich verlegt, vom Gefängnis ins Konzentra-
tionslager, und so kam ich gar nicht mehr dazu, es herauszufinden. Seltsamerweise retteten mich die sich überschlagenden Ereignisse, denn in mir regte sich ein unbewußter Protest, eine Stimme die sagte: »Mich kriegen sie nicht!« Außerdem konnte ich immer noch nicht begreifen, was eigentlich vor sich ging. Ich wußte einfach nicht, dass ich schon mit einem Bein auf der Rampe von Auschwitz stand. Diese Katastrophe, in die ich da »zufällig« geraten war, mußte doch irgendwann vorüber sein! So hielt mich eine brisante Mischung aus Naivität, Zuversicht und Dummheit am Leben. Sonst hätte ich mit Sicherheit selbst den Tod gewählt. Wie schon Schiller sagt: »Der Irrtum ist das Leben und das Wissen ist der Tod.« In diesem Fall stimmt es absolut. (...)

Ich habe so viele Menschen kennengelernt, die in meinen kulturellen Bedingungen lebten und die so saublöd sind, dass ich mit denen nichts zu tun haben will. Und so viele andere, die sich in ganz anderen Kulturkreisen befanden und mit denen ich die Grundbedingungen der Menschlichkeit, die Bedürfnisse, die Liebe und das Vertrauen aus dem Stand heraus leben konnte. Das gegenwärtig viel beschworene globale Dorf ist keine neue Erfindung und schon gar keine digitale Angelegenheit, es existierte schon immer. Die Menschen nehmen es nur wahr, wenn es plötzlich mechanisch definierbar ist, aus meßbaren Werten besteht und nicht mehr »nur« das ist, was ich meine. (...)

Ich habe weder ein Gefühl für den Nationalismus noch eines für das Judentum. Genausowenig wie für das Deutschsein. Das Einzige, wofür ich mit meiner eher kosmopolitischen Veranlagung Antennen habe, ist die Sprache zwischen den Menschen. Damit verbunden ist sicher auch meine ausgeprägte Angst vor Radikalität, welcher Art auch immer. Der Ort ist ziemlich egal. Setzt mich in die Wüste, auf irgendwelche Inseln, in Mangrovensümpfe oder ins ewige Eis. In Slums oder Suiten, Hauptsache unter Menschen. Nehmt mir alles, doch laßt mir meine Wimpern. Dann kann ich leben, das ist meine Einstellung. Mit ehrlicherweise einer kleinen Einschränkung: Mein Herz gehört Berlin. (...)

Berlin hat jede Menge Sex - In einer Hinsicht war Berlin stets ungeteilt: Kunst und Leben befinden sich hier in einem Glas, gehören zusammen wie Gin und Tonic: Zwei Likörgläser Dry Gin, eine Scheibe Zitrone ohne Schale und Kerne, Eis und Tonic-Water bis zum Rand. Vielleicht gab’s schon mal zuviel oder zuwenig Eis, und zuweilen gelangten einige Zitronenkerne hinein, aber was macht das? Hier läßt es sich trinken und leben, wie es gerade kommt, hier sind Welt und Bühne eins. Denn Berlin hat jede Menge Sex: Sie wissen schon, wie ich das meine. Ohne Sexualität gibt es keine Kunst, sie bestimmt jede Kultur und Kreativität. (...) Viele der Menschen, mit denen ich in Kontakt komme, finde ich im übrigen ungemein interessant. Über die wird nie groß in der Öffentlichkeit gesprochen. Sie machen beeindruckende Dinge in ihrem Leben, helfen anderen Menschen, ohne ein Wort darüber zu verlieren - und das ist doch viel großartiger, als auf der Bühne einen Witz zu erzählen. Manchmal fühle ich, dass mich das beschämt. Da steht eine Frau vor mir und sagt, dass sie mich wunderbar findet. Sie selbst aber arbeitet als Krankenschwester mit Kindern irgendwo in Afrika. Das sind mir die guten, wertvollen Menschen. Nicht die mit dem Chichi dort oben am Mikrophon. Ob die Huber da steht oder nicht, ist nicht wirklich wichtig. Das ist kein fishing for whatever, es ist durchaus ernst gemeint. Dass auch mein Kram irgendwem was bringt, okay, kann sein. (...) Wenn ich heute so mit jungen Leuten spreche, über ihre Perspektiven, Ängste und Vorstellungen, dann merke ich tatsächlich, aus einer anderen Zeit zu kommen. Wir können uns trotz großer Sympathie oft erschreckend wenig vermitteln. Aber, na gut, es ist natürlich so. Ich merke es auch am Beispiel der Gleichgültigkeit gegenüber dem Holocaust. Selbstverständlich wird sich informiert, man ist betroffen und weiß nicht damit umzugehen. Trotzdem handeln so viele Leute diesen theoretischen Kenntnissen im Alltag entgegen. Sie kriegen es nicht überein: Du weißt nicht, wie Feuer brennt, wenn Du Dich nicht selbst mal verbrannt hast. Bis es soweit ist, lechzen doch alle geradezu nach einer solchen Katastrophe. Der Mangel an Imagination begründet die Wiederhoungen der Geschichte. (...)

Gott ist allein das Leben. Er ist Bewegung, wie bei der Rose und beim Tanz. Mein Körper öffnet sich, wenn ich tanze. Er schließt sich nicht, wie zum Beten und Beichten, zum Ducken und Verbeugen. Es gibt keinen Gott, der Opfer fordert. Diese Geschichten sind Erfindungen machtergriffener Menschen. What for? Liebt eine Fliege Macht? Oder ein Kabeljau? Ich weiß es nicht, aber ich gehe davon aus, dass dem nicht so ist.

Die Liebe war das Schwerste - Falls ich gefragt würde, was ich für das Beste, das Wichtigste, das Allernötigste in meinem Leben hielte, würde ich antworten: Unabhängig zu sein und mich auf mich selber verlassen zu können. Vaterland, Position, Familie - mir hat es immer gut getan, den ganzen Ballst über Bord zu werfen, der mir seit der Geburt aufgeladen wurde. Jede Gewohnheit, jede Bindung, jede Tradition kann in uns trübe Resultate erzeugen. Ich habe weder Bedürfnis noch Veranlagung, einer Clique zuzugehören oder einer Mode nachzulaufen - keiner Partei, keiner Sekte. Aber am Schwersten ist es gewesen, die Abhängigkeit von der Liebe und dem Geschlechtstrieb abzuschütteln. Erst wenn man älter wird, wird man auch hier freier, läßt auch dieses Feuer allmählich nach. Es verbrennt einen nicht mehr. Es wärmt einen angenehm: Auch darauf kann man sich freuen.