Da könnte man sich denken: Was soll man über einen Superstar wie Barbra Streisand schreiben, wenn an- zunehmen ist, dass die meisten (zumindest schwulen) Leser von der größten Entertainerin und Schwulen- ikone des Planeten alles wissen und alle ihre Platten im Schrank haben?

»Truth has a golden Voice«

Unter diesem Titel brachte das amerikanische Kultmagazin Interview 1993 eine Coverstory über Barbra Streisand. Dieser Satz ist kennzeichnend für den gesamten Verlauf ihrer Gesangskarriere. Seit

ihrem ersten Auftritt in einer New Yorker Schwulenbar (1960) war es dieser Moment der Wahrheit, den sie mit ihren Songs vermitteln wollte. Sie hat sich selbst immer als singende Schauspielerin gesehen und war dank ihres ursprünglichen Talents von Anfang an »Die Streisand«. Truman Capote sagte bereits 1963 über sie: »Sie ist eines der wahren Phänomene unserer Zeit!«. Kollegin Judy Garland war von Barbras Vorstellung im legendären Coconut Grove 1963 so sehr beeindruckt, dass sie nach dem Konzert einem Journalisten sagte: »Ich werde nie mehr meinen Mund auftun«.

Streisands Filmkarriere begann 1968 mit der Verfilmung des Muscials Funny Girl, welches sie bereits 1964 am Broadway und später (1966) in London insgesamt eintausend Mal auf der Bühne gespielt hatte. Erst mit diesem Film erreichte sie globale Popularität. Sie drehte von 1968 bis 1996 insgesamt 16 Spielfilme, wobei zu beachten ist, dass ihre Karriere immer zwei- und mehrgleisig verläuft. Sie zeigte, probierte und demonstrierte hingebungsvoll ihre Talente in so unterschiedlichen Filmgenren wie Boulevardkomödie, Screwball- Comedy, Melodramen, Gerichtsdrama und traditionellen Hollywood- Musicals. Ein Höhepunkt all dieser filmischen Leistungen ist ihr Regiedebüt Yentl, wo sie auch die Hauptrolle des weiblichen Jeschiwa-Bochers spielt, und das alle Talente in sich zu vereinen scheint. Der Film wurde ein internationaler Erfolg, trotz seiner ausgefallenen Thematik und seiner romantischen Musik, die fern von allen Trends liegt. In den Neunzigern hat Streisand bei zwei weiteren Filmprojekten Regie und Hauptrolle übernommen und mit ihrer Produktionsfirma Barwood hervorragende preisgekrönte Fernsehfilme realisiert.

»I don`t feel like a legend. I feel like a work in progress«

Heute gilt Streisand als Powerfrau, »Songstilistin« oder, immer wieder etwas maliziös zitiert, als die »Selbstdarstellerin« mit dem Überego, deren Arbeitsweise dennoch frappierend authentisch bleibt. Die heutige Sängerin, Schauspielerin, Drehbuchautorin, Komponistin, Produzentin und Regisseurin ist längst die große und beständigste Ikone der amerikanischen Unterhaltungsindustrie. Mit den meisten und wichtigsten Preisen der Branche kontinuierlich seit vierzig Jahren ausgezeichnet (u.a. 10 Grammys, 2 Oscars, 11 Golden Globes, 6 Emmys), ist sie wahrlich »timeless«; so der Titel ihres letzten Albums. Als Sängerin, so scheint es, hat sie alle Möglichkeiten der Musikbranche ausgeschöpft. Jazzsongs, Balladen, Film- und Broadwaymusicals, Rock- und Popsongs, Disco, Klassische Lieder und Arien sowie zahllose Duette mit den berühmtesten Entertainern und Popstars. Sie ist weltweit der einzige Gesangsstar mit Nr. 1-Alben in den 60ern, 70ern, 80ern und 90ern. Nach 58 Alben ist mit Timeless im Herbst 2000 ihr bislang letztes Live-Album erschienen. Die DVD/ Video-Version des Livemitschnitts erhielt 3 Emmy-Auszeichnungen. Mit den Timeless-Konzerten hat sie sich von ihren Fans verabschiedet, es würde keine Tourneen und Liveauftritte mehr geben. Sie wolle sich mehr ihrer Familie (Sohn Josh ist schwul) widmen, besonders ihrem Ehemann James Brolin, den sie 1998 geheiratet hatte.

»Eines der wahren Phänomene unserer Zeit«

Barbra Streisand - eine Künstlerin, die seit 40 Jahren in ihrem Genre die Spitzenposition hält und mögliche Konkurrentinnen wie Bette Midler, Liza Minelli, Cher oder Shirley Bassey weit hinter sich läßt. Während der Übergabe des Legend Award Grammys endete sie ihre Dankesrede mit den Worten: »I don’t feel like a legend. I feel like a work in progress«...

Jom Huledet tov Barbra! Ad mea wessrim shana...