Traditionen, Reformen

Memphis, Tennessee, hat nicht nur eine prunkvolle Synagoge in Rot und Gold, in der man nur darauf wartet, dass Elvis Presley auftritt, sondern auch eine starke Frauengruppe, die spirituell den Ton angibt. Wobei sich »spirituell« hauptsächlich auf das Halten des Schabbats unter absoluter Vermeidung des Gebrauchs von Küchenherden, Telefonen und Autos bezieht. Aber dafür macht bei den berühmten Einladungen zum Schabbatmahl, bei denen sich die Frauen in kulinarischer Hinsicht gegenseitig zu übertreffen suchen, der neueste Klatsch die Runde. Und für Klatsch sorgt Batsheva, eine junge Witwe, die ausgerechnet an einem Schabbat mit ihrer kleinen Tochter in das feste Gefüge aus Heuchelei und Hähnchen mit Mandeln einzieht. Mißtrauen begegnet der Konvertitin mit den langen blonden Haaren, die alle Gebete singen kann, in die Synagoge geht und - horibile dictu - auch in die den verheirateten Frauen vorbehaltene Mikwe!
Batsheva, die Malerin, gibt den Kindern Kunstunterricht und lernt mit dem Sohn des Rabbis. Sie gewinnt das Vertrauen der High-School- Mädchen, denen sie andeutet, dass es neben dem Besuch eines orthodoxen Colleges und nachher dem Suchen nach einem passenden Ehemann noch andere Werte auf Gottes weiter Welt gibt. kann das gut gehen? Am Ende des Romans bricht das strenge Gefüge der orthodoxen Gemeinde etwas auf. Wer verläßt Memphis? Wer macht sich Gedanken über eine Änderung? Und wo bleibt Batsheva?
Der jungen Autorin, Tova Mirvis, ist mit beträchtlichem Insiderwissen ein wunderbarer Roman über eine jüdische Gemeinschaft gelungen, in der das Loslösen von alten Traditionen und das Annehmen von Neuerungen sehr, sehr schmerzhaft sein kann.

Tova Mirvis: Die
Schabbatbraut

Piper Verlag
395 S.., € 9,90
ISBN 3-492-23444-5

Schimmer

Sarah Schulman einfach als Schriftstellerin zu bezeichnen wäre nicht nur falsch, sondern auch eine Beleidigung. Sie ist auch noch Theaterautorin, AIDS-Aktivistin, Journalistin und Mitbegründerin der legendären US-Aktionsgruppe »Lesbian Avengers«.
Bekannt wurde sie hierzulande zunächst mit einem Buch, das in der Ariadne-Reihe erschienen ist. »Ohne Dolores« war ganz anders als die anderen Krimis der Serie, keine locker-leichte Geschichte rund um Hobbydetektivinnen mit Happy End - im Gegenteil. Die Lesben in dem Buch sind nicht immer nett, es gibt auch welche, die psychisch- physisch grausam sind. Die Geschichte ist entsetzlich traurig, die Sprache direkt und wütend. Der Protest in der Szene war groß, es gab aber auch viel Zustimmung für die Darstellung einer nicht immer rosaroten Lesbenwelt. Sechs weitere Bücher folgten in Deutschland, in denen es um den Einfluss von AIDS auf die Schwulen- und Lesbenszene, Ausgrenzung, soziale Verelendung und Minderheiten geht. Sechs Jahre lang haben wir in Deutschland nichts Neues von Sarah Schulman lesen können, jetzt ist ihr Roman »Schimmer« erschienen. Der Roman geht zurück in die USA der 50er Jahre. Mitten hinein in die erzkonservative Zeit der Kommunisten- und Intellektuellenhatz unter Joseph McCarthy. Der führte einen hysterischen Feldzug gegen eine angebliche kommunistische Unterwanderung von Staatsämtern, Kultur, Medien und Film. Im Mittelpunkt stehen drei Personen: Die lesbische Sylvia Golubowsky berichtet von ihrer Jugend als Sekretärin bei einer Zeitung. Während sie hofft, Journalistin zu werden, schnappt ihr ihr eigentlich unbegabter Bruder - weil männlich - den erhofften Job vor der Nase weg. Der zweite Protagonist, Austin van Cleeve, erzählt von seiner Arbeit als Klatschkolumnist bei der Zeitung seines Vaters. Cal Byfield arbeitet als Koch und träumt vom eigenen Theater. Diese drei erleben die McCarthy-Ära aus unterschiedlichen Blickwinkeln, und doch werden ihre Geschichten kunstvoll verwoben. Das Buch hat mit seiner eindringlichen Darstellung von Sexismus, Rassismus, Intoleranz und unerfüllten Träumen sowie der Medien- und Gesellschaftskritik nichts an Aktualität verloren.

Sarah Schulman:
Schimmer
Argument-Verlag
288 S., € 10,50
ISBN 3-88619-477-9

Liberales Judentum - 35 Grundsätze
Union progressiver Juden


Die 24-seitige Broschüre hat sich als nützliches Vademecum für liberale Jüdinnen und Juden und als unentbehrliche Informationsquelle für den interreligiösen Dialog, den Religionsunterricht und die Gemeindearbeit erwiesen. Interessenten können die Broschüre gegen eine Spende von Euro 2 über die Geschäftsstelle bestellen:
Union progressiver Juden
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