Porträt über Dr. Charlotte Wolff
von Hannah Kleiber und Martina Weiland

Charlotte Wolff wurde am 30.09.1897 in Riesenburg/Westpreussen geboren und wuchs in einer liberalen jüdischen Familie auf. Sie galt als aufgewecktes Kind und trug mit Vorliebe Jungenkleider. Es war in diesen Familien selbstverständlich, dass auch die Töchter eine gute Schulbildung erhielten und die Erziehung von Jungen und Mädchen verlief einigermaßen egalitär.
     C. W. verliebte sich schon im Alter von 13 Jahren in eine Mitschülerin. Ida stammte aus einer russischen jüdischen Familie. Charlotte wurde dort sehr warmherzig aufgenommen. In ihrem Elternhaus ging es eher kühl und distanziert zu.
     Offensichtlich machte sie schon als Schülerin erste sexuelle Erfahrungen, ihre Eltern nahmen anscheinend keinen Anstoß daran. C. W. hat bei ihren Lesungen in Berlin immer wieder betont, wie liberal ihre Familie mit ihrer Homosexualität umging.
     Ihre Mädchenjahre verliefen also relativ ungestört von disziplinierenden, angsteinflößenden Maßnahmen durch Eltern und Verwandte - später hat sie sich dann in Lehrerinnen verliebt und ihre ersten Gedichte an die Angebeteten gerichtet.
     »Die meisten meiner Gedichte waren Liebesgedichte für Frauen. Mein Gefühl, dass Liebe eine Sache ist, die sich nur zwischen Frauen abspielt, entsprach meiner festen Überzeugung, solange ich mich erinnern kann. Diese Sicherheit änderte sich nicht, obwohl ich klar erkannte, dass dies meine Art zu lieben war, und sie sich von der vieler Menschen unterschied.» (Zit.: »Augenblicke verändern uns mehr als die Zeit«, S. 75)
     Die Liebe zur Poesie behielt sie neben den naturwissenschaftli- chen Interessen zeitlebens bei. Hätte sie ihr Vater nicht zum Medizinstudium gedrängt, hätte sie lieber Philosophie und Literatur studiert.
     Sie begann in den 20er Jahren mit dem Studium der Medizin, zuerst in Königsberg, dann in Freiburg, Tübingen und später in Berlin.

In Freiburg und Tübingen belegte sie auch Philosophie-Vorlesungen und wandelte in Tübingen auf den Spuren von Hölderlin und Hegel und hörte in Freiburg Husserl und Heidegger. Ihren Studien wurden immer wieder unterbrochen durch unglückliche Liebesgeschichten, die sie zeitweise in tiefe psychische Krisen stürzten.
     Besonders dramatisch verlief eine leidenschaftliche Beziehung zu der russischen Jüdin Lisa, der sie in Berlin begegnet war und die sie noch einmal in Russland besuchte. Der Ehemann von Lisa setzte der

Charlotte Wolff 1983 bei einer Lesung in Berlin

Beziehung ein Ende, und C. W. erkrankte auf der Rückreise schwer an Ruhr.
     Weimarer Republik   Beinahe folgerichtig war für C. W. Berlin die Stadt, die eine magische Anziehung auf sie ausübte. Sie wählte Berlin, um ihr Studium dort abzuschließen, aber da waren auch die Verlockungen der lesbischen Clubs und Bars, die Welt der Künstlerinnen und Schauspielerinnen, die sie in das Eldorado der »Golden Twenties« nach Berlin führten. Sie kam in Kontakt mit Walter Benjamin, dessen Frau Dora, mit Franz Hessel und seiner Frau Helen und freundete sich bald mit ihnen an. Besonders mit Walter Benjamin verband sie eine jahrelange intensive Freundschaft. Sie war fasziniert von seinem sprühenden Geist und fand in ihm einen aufmerksamen Gesprächspartner in Liebesangelegenheiten. Sie lebte in Berlin mit ihrer Freundin Katherine, litt aber lange unter der Trennung von Lisa.
     Nach einem längeren Kuraufenthalt erholte sie sich wieder und schloss ihr Studium erfolgreich ab. Ihre erste Stelle als Ärztin erhielt sie im Virchow-Krankenhaus in Berlin. Zum erstenmal war sie finanziell unabhängig und konnte eine eigene Wohnung mieten.
     C. W. verkehrte in Künstlerkreisen, lernte einige Bauhaus- Künstler und die Maler der Berliner Sezession kennen (u.a. Chagall, Marc, Kandinsky). Auch die Poesie und die Philosophie ließen sie nicht los. Für sie bildeten Kunst und Wissenschaft immer eine untrennbare Einheit. Anfangs fühlte sie sich den Anforderungen, die der Beruf als Ärztin mit sich brachte, kaum gewachsen. Sie fand aber bald in der Ärztin Dr. Alice Vollnhals eine gute Supervisorin. Sie war in einer Schwangerschaftsfürsorgestelle der Allgemeinen Krankenkassen angestellt und betreute vorwiegend Patientinnen aus dem Berliner Arbeiterbezirk Neukölln. Dort fühlte sie sich wohl.
     In ihrer Beziehung zu Katherine begann es jedoch zu kriseln und sie litt unter einer neurotischen Angst. Sie konnte nicht mehr ohne Begleitung aus dem Haus gehen und war auf die Hilfe ihrer Freundin angewiesen.
     Erste antisemitische Ausschreitungen und politische Aktivitäten  Ihre Ängste hatten sicherlich auch mit den wachsenden antisemitischen Ausschreitungen der Nationalsozialisten zu tun, die sich Ende der 20er/Anfang der 30er Jahre häuften. Auch wenn sie sich anfangs davon nicht sonderlich beeindrucken ließ und weiterhin an den kulturellen Darbietungen teilnahm, so wuchs doch die Gefahr für sie und ihre jüdischen KollegInnen.
     Durch den Einfluss ihrer Kollegin Mina Flake begann C.W., sich zu politisieren, und schloss sich dem Verein sozialistischer Ärzte an. Sie war am Aufbau der ersten Klinik für Schwangerschaftsverhütung beteiligt und bildete sich in Sexualwissenschaft und Psychotherapie weiter. Sie lernte den Pionier der Sexualwissenschaft, den jüdischen Arzt  Dr. Magnus Hirschfeld kennen, der in Berlin das wissenschaftlich-humanitäre Komitee gegründet und der ein sexualwissenschaftliches Institut aufgebaut hatte. Die umfangreiche Bibliothek des Instituts wurde im Mai 1933 von den Nazis niedergebrannt, Magnus Hirschfeld starb im französischen Exil.
C. W. machte sich später im englischen Exil mit ihren Studien zur Sexualwissenschaft selbst einen Namen.
     In Berlin verschlechterte sich das polit. Klima zusehends. C. W. erlebte die Ausgrenzung der jüdischen Ärzteschaft am eigenen Leib. Zuerst wurde sie aus der Schwangerenfürsorge in eine elektro-physikalische Abteilung versetzt und verlor schließlich ihre Stelle im Krankenhaus.
     Flucht aus Berlin  Im Herbst  1932 trennte sich zuerst ihre Freundin Kathrin. Deren Vater hatte ihr dazu geraten, weil sie sich selbst gefährde, wenn sie mit einer Jüdin zusammenwohne. Auf diesen Schock folgte kurz danach ihre Entlassung und im Mai 1933 eine Hausdurchsuchung wegen angeblicher Spionage. Einer Verhaftung durch die Gestapo in der U-Bahn ist sie nur knapp entkommen, weil ein Bahnbeamter sie als Ärztin seiner Frau erkannte und in letzter Minute rettete. Daraufhin leitete sie sofort ihre Abreise ein, besorgte sich einen Paß, verabschiedete sich von FreundInnen und KollegInnen und bestieg am 26. Mai 1933 am Bahnhof Zoo in Berlin den Zug in Richtung Paris, ihrer ersten Station im Exil
     C. W. teilt das Schicksal der jüdischen Emigranten, eine erzwungene Flucht aus einer vertrauten und liebgewordenen Umgebung, den plötzlichen Abbruch von Arbeits- und Lebenszusammenhängen, den Abschied von Familie, Freunden und Kollegen und meist auch den Verlust der Muttersprache. Dies war besonders schmerzlich für SchriftstellerInnen und JournalistInnen, deren Ausdrucksform die deutsche Sprache war.
     Pariser Exil  Sie kam wohlbehalten in Paris an und traf dort auf andere Emigranten, FreundInnen aus Berlin, wie z. B. Helen Hessel. Sie lebte eine Zeit lang bei ihr und ihrem Sohn. Da sie im Ausland nicht als Ärztin praktizieren durfte, verdiente sie sich ihren Lebensunterhalt zunächst mit Handanalysen. Die Methode der Handanalyse (Chirologie) hatte sie in Berlin gelernt und fand nun in Paris KlientInnen, u.a. bei wohlhabenden französischen Aristokraten. Sie kam in Kontakt mit den Surrealisten und entwickelte eine eigene wissenschaftliche Methode der Handdiagnostik.
     Doch auch in Paris blieb sie nicht verschont von antisemitischen Umtrieben und so reiste sie im Herbst 1936 mit Unterstützung von Aldous und Maria Huxley weiter nach London.
     Londoner Exil  In London setzte sie ihre Handstudien fort. Eine ihrer berühmtesten Klientinnen war die Schriftstellerin Virginia Woolf. Die Begegnung muss ganz außergewöhnlich gewesen sein, sie hinterlies bei beiden Frauen einen tiefen Eindruck.
     Nach anfänglichen Schwierigkeiten, die geprägt waren von Einsamkeit und beruflicher Unsicherheit, gewann sie mehr und mehr Boden unter den Füßen, erhielt 1937 die unbegrenzte Aufenthaltsgenehmigung für England und die Zulassung als Psychotherapeutin.
     Die Sexualwissenschaftlerin  Erst Ende der 60er Jahre begann sie mit ihren sexualwissenschaftlichen Forschungen und veröffentlichte 1971 »Love between women«, das Buch erschien 1973 in deutsch mit dem Titel »Die Psychologie der lesbischen Liebe«. Dies war eine der ersten ernst zu nehmenden deutschsprachigen Studien über lesbische Liebe. Da sie von der Medizin her kam, war ihr Ansatz sehr an biologischen Determinanten und an dem Einfluss der Hormone bei der Entstehung der sexuellen Orientierung ausgerichtet. Ihre Thesen wurden in der Lesbenbewegung der 70er Jahre sehr kontrovers diskutiert, denn wir waren der Überzeugung, dass das soziale Umfeld und die geschlechtsspezifische Sozialisation mindestens ebenso wichtig waren, wie die Biologie. Obwohl sie selbst ausschließlich sexuelle

Beziehungen zu Frauen hatte, plädierte sie immer für alle Formen menschlicher Liebe, die allein an ihrem wahren Gehalt gemessen werden könne. Sie mied ausgetretene Pfade und setzte sich menschlich wie wissen-
schaftlich stets gern zwischen alle Stühle.
     Eine zweite Studie erschien 1979 mit dem englischen Titel »Bisexuality«, 1980 »Bisexualität« in deutscher Sprache.
     Ihr letztes Werk, ihre Biografie über Dr. Magnus Hirschfeld wurde nicht übersetzt. Dieses Porträt gilt als eines ihrer wichtigsten wissenschaftlichen Werke.

     Berlinbesuche und neue Freundschaften  1978 folgte sie einer Einladung nach Berlin durch Frauen der Gruppe L'74, einer Gruppe älterer lesbischer Frauen, namentlich Kitty Kuse. Die Rückkehr in das einstmals geliebte Berlin war nach der traumatischen Erfahrung mit dem Nazideutschland keine Selbstverständlichkeit. Trotz eines überaus herzlichen Empfangs durch die Berliner Frauen, kosteten sie die ersten Schritte auf deutschem Terrain große Überwindung. Neu geschlossene Freundschaften, die Begegnung mit der über 80-jährigen jüdischen Malerin Gertrude Sandmann, machten ihr diese Schritte leichter. Es folgten noch weitere Einladungen zu Lesungen im Frauenbuchladen Labrys, zur Frauen-Sommeruniversität und in die Jüdische Gemeinde. Charlotte Wolff wurde überall begeistert empfangen und geehrt. Meist kam sie in Begleitung ihrer Freundin Audrey Wood.
     Ihre Bücher sind alle vergriffen, ihr Name ist kaum bekannt.
Sie starb am 12. September 1986  89-jährig  in London.
»Liebe und ein starker Geist kennen kein Alter - Phantasie hat keine Zeit- ich bin Charlotte Wolff, das ist alles, was geschieht.«
(Aus dem Nachruf von Heidi Giesenbauer in der TAZ im Sept. 1986)

Der hier veröffentlichte Text ist eine Kurzfassung eines Vortrages von Hannah Kleiber und Martina Weiland bei LeTRa am 21.09.2000