Bereits seit Monaten war bekannt, dass im Zusammenhang mit der zur Zeit gezeigten und inzwischen korrigierten Wehrmachtsausstel- lung am Samstag, dem 12. Oktober, ein Aufmarsch von Neonazis stattfinden sollte. Rund 60 Gruppen, Gewerkschaften, mehrere Bezirksausschüsse und viele Privatpersonen engagierten sich gegen einen Aufmarsch der Neonazis in München. Bis zuletzt hatten wir die Hoffnung, dass dieser von der Stadt München verboten würde. Noch am Tag vor der Nazidemo kam die scheinbar erlösende Nachricht, dass der Stadtrat in ungewohnter Einigkeit eine Resolution beschlossen hatte. In dieser wurde festgestellt, dass »Neo- nazistische Aufmärsche in München unerwünscht« sind: »Es ist unerträglich, dass fast 60 Jahre nach dem Ende der national- sozialistischen Gewaltherrschaft Neonazis wieder ihre antisemitischen und geschichtsverfälschenden Ideologien verbreiten.« Es wurde außerdem in der Presse berichtet, dass den Nazis nicht gestattet werde, mit Fahnen, Emblemen, Spingerstiefeln oder Bomberjacken aufzutreten. Per Gerichtsbeschluß erwirkten die Nazis zum Entsetzten aller jedoch, dass ihr Marsch nicht verboten wurd. Karlheinz und ich machten uns - als die einzigen Yachadniks - gegen 11 Uhr zum Gewerkschaftshaus in der Schwanthalerstraße auf. Einige aus unserer Gruppe hatten zuvor Bescheid gegeben, dass sie nicht in der Stadt seien, von den anderen kam keine Reaktion. Trotz des regnerischen Wetters, waren in der Schwanthalerstraße schon etliche Demonstranten versammelt, unter die wir uns mischten. Rund 1.500 linke Demonstranten befanden sich zeitgleich auf der anderen

Seite des Gebäudes in der Bayerstraße. Von den linken Gruppierungen bis zur CSU (man staune!!!) herrschte Konsens, den braunen Horden nicht die Straße zu überlassen. Mün-
chen hatte in dieser Hinsicht schon immer eine besondere Verantwortung, denn von hier aus startete Hitler einst seinen sogenannten Sie-
geszug, der in einer Katastrophe für Deutsch-
land endete. Der Name Münchens wurde von den Nazis einst als »Hauptstadt der Bewe-
gung« mißbraucht. Vom Marienplatz, an dem das Bündnis gegen Rassismus seit 10 Uhr einen Infopoint eingerichtet hatte, zogen uns Hunderte linke Demonstranten in Richtung Schwanthalerstraße entgegen. Insgesamt waren rund 3.000 Gegendemonstranten (unter ihnen sehr viele ältere Menschen) auf die Straße gegangen. Einige Zeit verbrachten wir wartend, Hubschrauber kreisten über uns, während per Megaphon ständig Durchsagen zum Verlauf des Nazimarsches gemacht wurden. Die eigentliche Route wurde nämlich nicht von der Polizei bekannt gegeben und es war auch die ganze Zeit nichts von den Nazis

zu sehen. Schließlich machten wir uns auf den Weg zum angegebenen Schlußpunkt des Nazimarsches am Sendlinger Tor. Unterwegs wurden wir Zeugen, wie drei männliche Polizisten(!) mit der Verhaftung eines ca. 17-jährigen Mädchens (!) aus dem linken Lager beschäftigt waren. Möglicherweise haben uns unsere Kippot, die wir trugen, Kontrollen erspart, die Polizei ließ uns sogar anstandslos durch ihre Reihen laufen. Allerdings wurden wir auch von einigen Leuten darauf angesprochen, dass »der Sharon ja auch keinen Frieden macht« etc. Für eine ausführliche Schilderung der auf

die zusammenhangslosen Vorwürfe folgenden Antworten oder Diskussionen würden wir hier nur unnötig Platz verschwenden. Den ganzen Nachmittag bekamen wir also keine Nazis zu Gesicht, denn die Polizei war sehr darauf bedacht, die beiden Gruppierungen zu trennen, und hatte zu diesem Zweck überall Straßen-
sperren errichtet. Am späten Nachmittag hatten sich die Nazis rund 5 Minuten von ihrem Ausgangspunkt entfernt und wurden dann auch von der Polizei aufgehalten. Manche von ihnen wurden ihrer Schuhe bzw. Springerstiefel ent-

ledigt, denn das Tragen dieser Stiefel war ihnen ja zuvor laut Auflage untersagt worden. So mußten sie dort verharren, bis sie nach einiger Zeit zusammen mit ihren anderen Kumpanen von der Polizei zurück zu ihrem Ausgangspunkt auf der Theresienwiese begleitet wurden. Damit war der Nazimarsch beendet, ohne eigentlich stattgefunden zu haben.
Wieder haben die Münchner BürgerInnen deutlich gemacht, dass hier zumindest kein Platz für Nazis ist. Wünschenswert wäre natürlich, dass es endlich ein bundesweites Verbot aller Nazigruppierungen gäbe. Das wäre gerade in einem Land wie Deutschland mit einer derartigen Geschichte mehr als angebracht! Faschisten können sich nicht auf das im Grundgesetz verankerte Recht der freien Meinungsäußerung berufen, denn was sie vertreten ist menschen- verachtend und purer Haß. »Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen!« Das war der Leitsatz der Münchner Demo gegen den Nazimarsch. Dies sollte endlich auch mal unseren Politikern klar werden und eine entsprechende Gesetzgebung geschaffen werden. Das demokratische München steht jedenfalls für ein klares NEIN zu Rassismus und Rechtsradikalismus. So wie am Samstag des Aufmarschs.                                                          Fred Fischer