Frauen als Teil der NS-Täterschaft
Vor einigen Jahren sorgte die ziemlich heftige Diskussion über Daniel Goldhagens Buch »Hitlers willige Vollstrecker« national und international für großes Aufsehen. In all der Aufregung um den »Eliminatorischen Antisemitismus« als Nationalcharakter der Deutschen ging indessen eines völlig unter: Goldhagen spricht von »ganz normalen Deutschen« und formuliert in seiner Einleitung den Anspruch, die Täterschaft von Männern und Frauen zu beleuchten. Faktisch schreibt er jedoch die Geschichte der NS-Verbrechen wieder als Täter- d.h. Männergeschichte. Nun ist in diesem Zusammenhang ein neues Buch von Anna Maria Sigmund mit dem Titel »Die Frauen der Nazis« erschienen. Zu diesem Thema sind bereits vor einigen Jahren mehrere Bücher erschienen, die ich damals mit großem Interesse gelesen habe. Das damals von mir verfasste Resümee ist auch heute noch aktuell:
Die SS wird in der breiten Öffentlichkeit, wie in der Forschung, noch immer als Männerbund wahrgenommen. Nach dem Willen des »Reichsführers SS«, Heinrich Himmler, sollte sie jedoch eine Sippengemeinschaft sein, ein völkisch-rassischer Orden, »zu dem Frauen genauso notwendig dazugehören, wie die Männer«. Gleich 

nach seiner Ernennung 1929 begann Himmler mit der Organisation der SS als »Avantgarde von Moral und Rasse«. In dieser kleinen ausge-
wählten »Elite« sollte der (Alb)-Traum von der Erschaffung einer ger-
manisch-nordischen Rasse verwirklicht wer-
den: Gemeinsam sollte das »Herrenmenschen-
paar« herrschen über die »fremdrassigen Untermenschen«. Die SS-Ehefrauen hatten die rassistischen Denk-
muster ihrer Zeit ver-
innerlicht – diese

bildeten die Grundlage ihres Selbstverständnisses. Sie waren von ihrer »arischen Überlegenheit« überzeugt und fühlten sich in dieser Hinsicht dem Mann gleichgesetzt. Hinzu kam, dass sie als Mitglieder der SS-Sippengemeinschaft automatisch zur Gruppe der Mächtigen im Nazistaat gehörten und Teil der neuen weiblichen Elite waren. Sie verfolgten ganz subjektive Interessen – z.B. sozialer Aufstieg, berufliches Fortkommen etc. – und ihr Beitritt zur SS war freiwillig. Diese Frauen unterwarfen sich aus Überzeugung oder Karrierestreben den harten Aufnahmeprüfungen (75 % der Anwärterinnen wurden abgelehnt). Sie konnten sogar aufgrund ihres »Dienstes« in der SS 

Magda Goebbels

ihre Renten verbessern und bekommen diese teilweise leider heute noch. Es ist eine alte Geschichte, die von der Verbindung von Profession und Verbrechen. Nicht nur duldeten sie, als Ehefrauen, die Verbrechen ihrer Männer, sie übten auch selbst Gewalt aus. Frauen in der SS wurden bewußt zu Zuschauerinnen, Mit-/Täterinnen und Mörderinnen!
Die SS-Führung legte großen Wert darauf, dass die SS-Ehefrauen mit ihren Kindern an den »Einsatzorten« ihrer Männer lebten oder zumindest regelmäßig zu mehrwöchigen Besuchen

dorthin fuhren. Durch die emotionale Unterstützung, die sie den Männern durch ihre Anwesenheit oder in Briefen »aus der Heimat« gaben, erschienen die Verbrechen, die diese in den Ghettos und Lagern, in Einsatzkommandos und Polizeibatail-
lonen verübten, als eine berufliche Tätigkeit. Als Teil der Kar-
riere, wie vieles andere. Die SS-Frauen verbrachten ihre Flit-
terwochen in den Ghettos, gründeten Familien in den Ver-
nichtungslagern, organisierten ein abwechslungsreiches gesellschaftliches Leben in den SS-Siedlungen und bemühten sich, ihren Männern Ablenkung von ihrer »schweren Aufgabe« zu verschaffen.
Doch diese Frauen waren nicht nur stumme Stützen des Systems. Sie profitierten von der Vernichtung und Beraubung in den besetzten Gebieten, von der Korruption in den Lagern. Als Angestellte, Aufseherinnen, Ärztinnen im Vernichtungs-
apparat der Nazis verübten sie aus eigenem Antrieb Grausam-

Emmy Göring

keiten. Für sie alle konnte es nach dem Krieg jedoch nicht die Ausrede vom »Befehlsnotstand« geben; keine Instanz hatte ihnen das Quälen befohlen. Sie glaubten wahrscheinlich wirklich, aufgrund ihrer »rassischen Überlegenheit« seien für sie alle moralischen Schranken aufgehoben. Für diese Vermutung spricht, dass ihnen nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus jedes Unrechtsbewußtsein fehlte. Sie stilisierten sich und ihre Familien zu »Opfern alliierter Rache und Gewalt« (noch heute behaupten manche Deutschen, dass die Alliierten sie überfallen hätten und schrecklich wüteten). Viele alte und neue Nazis behaupten auch bis heute, dass Polen einst Deutschland überfallen und so der zweite Weltkrieg begonnen hätte. Wir alle wissen, dass das eine unverschämte Lüge ist, denn die Deutschen haben Polen überfallen und somit den Weltkrieg begonnen. Man distanzierte sich von der Organisation SS, nicht aber von ihren Angehörigen, die als Nachbarn, Freunde und Verwandte fest in die Gesellschaft integriert waren.

Eva Braun

Die alliierten Richter werteten das Handeln von Frauen als Handlangertätigkeiten; ihre deutschen Kollegen sollten sich dieser Auffassung in den Folgejahren anschließen. Mit wenigen spektakulären Ausnahmen, wie dem Fall Ilse Kochs (Ehefrau des Kommandanten von Buchenwald), wurden Frauen wegen ihrer Verstrickung in das SS-Verbrechenssystem nicht! gerichtlich belangt, leider entgingen auch viele SS-Männer den Gerichten und damit ihrer Bestrafung. Einziger Trost dabei ist, dass die meisten dieser Leute nicht mehr leben bzw. hoffentlich bald das Zeitliche segnen.

Bezugsquellen:
Gudrun Schwartz: »Die Frau an seiner Seite«, Ehefrauen in der SS-Sippengemein-
schaft, Hamburger Edition 1997
Kirsten Heinsohn: »Zwischen Karriere und Verfolgung«
Barbara Vogel: »Handlungsräume von Frauen im nationalsozialistischen Deutsch-
land«, Campus Verlag, Frankfurt 199