Alter jüdischer Witz: Familie Cohn besucht die große Rembrandt- Ausstellung. Unter anderem zu sehen ist dort ein Gemälde mit dem Titel »Die Geburt Christi zu Bethlehem«. Meint der siebenjährige Sohn: »Typisch Gojim! Keine anständige Wohnung, kein Tuch auf dem Tuches, aber sich von Rembrandt malen lassen!«
Womit wir beim Thema wären: Weihnachten. Alle Jahre wieder werden wir im Dezember unausweich-
lich damit konfrontiert, dass wir in

einem christlichen Land leben. Tannenbäume schmücken Wohnungen, Straßen, Einkaufszentren. Überall ertönen Weihnachtslieder, Adventskalender sind der große Renner in den Supermärkten und jüdische Eltern müssen ihren Sprößlingen Fragen beantworten wie »Warum haben wir keinen Weihnachtsbaum?« oder »Bekomme ich trotzdem Geschenke?«.
Das Dilemma ist so alt – nein, nicht wie die Menschheit – aber wie die Judenemanzipation. Noch im 18. Jahrhundert ließ die Juden im christlichen Abendland das Christfest kalt – der Jahreszeit entsprechend. Aber dann kam die zivile Gleichstellung der einzigen nicht christlichen Minderheit – und damit für sie ein größeres Problem. Man wollte schließlich jetzt gesellschaftlich dazu gehören. Andererseits sollte dabei auch die eigene Identität nicht völlig untergehen. Da fügte es sich trefflich, dass der Luach just um die Weihnachtszeit, plus-minus ein paar Tage, das schöne Fest Chanukka vorsah.
Zwar ist Chanukka kein klassisches großes jüdisches Fest, sondern nur ein »Halbfeiertag«. Der Talmud erwähnt Chanukka nur mit ein paar dürren Zeilen. Doch assimilationstechnisch bedingt, wurde die Erinnerung an die Tempelweihe der Makkabäer nach und nach aufgepeppt, getreu dem Motto: »Wir haben auch ein Fest mit vielen Lichtern, und Geschenke für die Kinder gibt es auch! Bloß haben wir statt eines Baums einen mindestens genauso schönen Leuchter!« Wobei in vielen jüdischen Wohnzimmern, u. a. in Deutschland, auch ein Baum stand (was die Kinder gelegentlich zu der Frage veranlasste, warum die Gojim eigentlich alles nachmachen müssten). Diese Art dem Weihnachtsdilemma zu entgehen wird von einigen Leuten bis heute praktiziert. Man muß dabei ja nicht so weit gehen wie manche US-amerikanische Juden, die sich um diese Jahreszeit einen »Chanukka-Busch« in die Wohnung stellen. Zur Unterscheidung von der gewöhnlichen Christtanne lediglich mit einem überdimensionalen Davidstern gekrönt. Die traditionellere Variante ist, Chanukka als Chanukka zu feiern, nur eben mit etwas mehr Verve als einem Halbfeiertag eigentlich anstünde. Das tut man oft den Kindern zuliebe, damit sie sich nicht zu sehr von den christlichen Altersgenossen abheben müssen. Religiös gesehen mag das vielleicht nicht ganz angebracht sein, dafür aber psychologisch. Wer je gelesen hat, was Shalom Ben Chorin (Fritz Rosenthal) in seinen Jugenderinnerungen beschreibt, nämlich wie der Bub an Heiligabend traurig durchs nächtliche München strich und sich angesichts der überall festlich-weihnachtlich beleuchteten Fenster so ausgeschlossen und so elend fühlte, wird es verstehen.
Man kann natürlich auch versuchen, Weihnachten demonstrativ zu ignorieren. Etwa indem man an Heiligabend Freunde einlädt: »Hast Du zufällig am 24. Dezember schon was vor? Ich mache zufällig eine kleine Fete!« Zur Grundausstattung dieser Art »Weihnachten ist mir völlig egal, ich bin jüdisch«-Abende gehört in der Regel ostentativ jüdische Verpflegung wie gefillter Fisch und kosherer Wein, musikalisch untermalt von Klezmermusik. Anschließend wird sich nett über alles mögliche unterhalten – außer über Weihnachten natürlich. Das antisemitische Ammenmärchen übrigens, Heiligabend würden die Juden sich immer zum Kartenspiel treffen, um so ihre Verachtung für Christi Geburt zu demonstrieren, ist unwahr. Wenn Juden an Weihnachten Karten spielen, dann nur deshalb, weil im Fernsehen ausschließlich Weihnachtssendungen laufen, die man sich ja nicht unbedingt antun muß. Natürlich gibt es noch andere Weihnachtsvermeidungsmethoden. Die etwa, zu verreisen. Israel bietet sich da als natürliches Ziel an, kann man dort doch sicher sein, mit Heiligabend o. ä. ganz bestimmt nicht konfrontiert zu werden (es sei denn, man hat das Pech, im Flugzeug mitten in einer Gruppe christlicher Pilger zu sitzen, die sich auf ihren Besuch in Bethlehem mit frommen Liedern und Gebeten einstimmt). Den gleichen Zweck wie Israel erfüllen natürlich auch die USA, zumindest Teile dieses Landes wie New York, wo bekanntlich fast mehr Juden als in Israel wohnen. Im Big Apple kann man mit einigem Geschick den 24. bis 26. Dezember so verbringen, als gäbe es kein Weihnachten. Nachteil der Metropole am Hudson: Es ist dort um die Jahreszeit so empfindlich kalt, was einem die Weihnachtsvermeidungsfreude vermiesen kann. Weshalb statt dessen vielleicht lieber Miami Beach in Frage kommt. Prozentual genauso viele Juden wie in New York, aber mit angenehm subtropischen Temperaturen.
Und was machen die, die nicht verreisen können oder wollen und es dieses Jahr irgendwie auch nicht schaffen sich eine andere Weihnachtsimmunisierungsstrategie auszudenken? Die müssen eben durchhalten. Trösten mag sie dabei ein schöner alter Siebenzeiler des jüdischen Dichters Erich Mühsam:

Minister und Agrarier,
Bourgeois und Proletarier -
Es feiert jeder Arier
Zu gleicher Zeit und überall,
die Christgeburt im Rindviehstall.
Das Volk allein, dem es geschah –
das feiert lieber Chanukka!