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»Queer Jews« ist ein Sammelband, der 22 Beiträge von insgesamt 25 AutorInnen über das Leben lesbischer Jüdinnen, schwuler Juden und transgender Personen enthält. Bunt gemischt, nach Stimmung, Lebenserfahrung, Temperament, von ernsthaft bis ironisch, witzig bis aberwitzig, immer aber lebendig und interessant geschrieben. Die Artikel beziehen sich v. a. auf amerikanische Erfahrungen. Ein wichtiger Beitrag informiert auch über Debatten in der israelischen Lesben- und Schwulenbewegung. Mit, wie es scheint, sehr »amerikanischer« Unbefangenheit wird auf persönliche Lebenserfahrungen Bezug genommen. Das trägt sicher zur Lesbarkeit bei, andererseits entsteht manchmal der Eindruck, dass aus sehr privaten Erfahrungen im Freundeskreis sehr weitreichende Schlußfolgerungen gezogen werden. Im Buch ist kein europäischer Beitrag zu finden, aber Europäisches gibt auffallend oft den historischen Bezugsrahmen – etwa wenn die eigene Immigranten-Familiengeschichte, die Erfahrungen von Überlebenden der Shoa, wenn jiddische Kultur erwähnt wird, oder wenn beiläufig auf Magnus Hischfeld verwiesen wird. Historisches Gedächtnis und Gedenken sind Teil jeder Traditionsbildung. Dieses Buch soll helfen, so ein erklärtes Ziel von D. Shneer und C. Aviv, ein Bewußtsein einer jüdischen lesbisch-schwulen Tradition zu schaffen. Vor allem aber geht es in dem Buch um die Standortbestimmung einer jüngeren Generation amerikanischer GBLT-Jews, die im jüdischen Leben Amerikas mit immer größerem Selbstbewußtsein auftritt. Dabei lassen sich zwei Gruppen ausmachen: Einerseits gibt es religiöse oder orthodoxe Jüdinnen und Juden, die im jüdischen Leben verankert sind und die ihre sexuelle Identität nicht länger von ihrer religiösen getrennt sehen wollen. Dabei ist vor allem im orthodoxen und konservativen Judentum ein weiter Weg zurückzulegen, wobei es nicht selbstverständlich ist, dass jemand auch nach einem »Coming Out« noch im Sinne dieser Tradition leben kann. Im ultraorthodoxen Sektor taucht diese Option ohnehin nicht auf. Hier heißt es klar: »Entweder oder«. Im liberalen Judentum zeigt sich eine andere Tendenz. Personen, die sich bisher einer radikalen politischen Tradition des Aktivismus für eine »Queer Nation« verschrieben hatten, suchen ihre dort gewonnen Erfahrungen mit einer oft marginalisierten jüdischen Identität zu verbinden. Vieles ist offenbar in den letzten Jahren in Bewegung geraten. Aber, im liberalen amerikanischen Judentum ist die Unterstützung lesbisch-schwuler Anliegen theoretisch zwar eine Selbstverständlichkeit, doch in der Praxis sind längst nicht alle Fragen geklärt. Was bedeutet es konkret, wenn offen lesbisch oder schwul lebende Personen Funktionen in den Gemeinden übernehmen? Als LehrerInnen, KantorenInnen oder RabinnerInnen? Die Beiträge lassen zwei grundsätzliche Haltungen zu der Frage des »Marsches durch die Institutionen« (Rabbineramt, Ehe, Familie) erkennen. Hier offenbaren sich fundamentale Gegensätze. Während die einen darin einen Schritt zur Emanzipation von patriarchalen Traditionen sehen, ist das für andere eine Eingliederung in den Mainstream. Es drängt sich bei der Lektüre die kritische Bemerkung auf, inwieweit in individualisierte jüdische Lebensweisen einfließende Elemente, wie etwa eine feministische Offenheit für »neo-pagane Riten« oder auch radikal-libertäre Lebensformen, tatsächlich mit jüdisch-religiösem Leben zu verbinden sind. Die Schriftstellerin Joan Nestle gibt zu bedenken, dass sie ohnehin stets der Meinung war, »That the center of things is a very uninteresting place to be, especially for a queer Jew«. Ein Sammelband, die der vorliegende, kann ohnehin keine »fertigen« Rezepte bieten, sondern einen Meinungsbildungsprozeß dokumentieren und fördern, und so, und deswegen, sollte er auch gelesen werden.
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