Tu B'Shvat, der 15. Tag des hebräischen Monats Shvat, ist das Neujahrsfest der Bäume. Es wird mit einem Früchteschmaus und dem Pflanzen neuer Bäume gefeiert. Es ist ein kleines liebenswürdiges Fest, das das Ende des Winters anzeigt. Anlässlich dieses Festes ist es Brauch, mindestens fünfzehn Sorten von Früchten auf den Tisch zu bringen, angefangen mit den sieben Sorten aus Israel (Schiva haminim): Korn, Gerste, Trauben, Granatäpfel, Feigen, Datteln und Oliven. Ein Ehrenplatz gebührt außer diesen Sorten der Frucht des Johannisbrotbaums, der zur Zeit der Stiftung des Festes sehr häufig war, und der des Mandelbaums, der als erster das Ende des Winters anzeigt und der in der Mitte des Monats Schwat in voller Blüte steht.
Tu B'Shvat wird zum ersten Mal in den talmudischen Traktaten der ersten Mischna, zu Rosh HaShana, als Neujahr der Bäume erwähnt. Die Halacha bezieht sich dabei auf die Kalkulation der drei Jahre Orlah, während derer zum Beispiel der Genuß aller Baumfrüchte verboten ist. Der kabbalistischen Vorstellung nach bezeichnet dieser Tag die Zeit des Jahres, wenn der Winter beginnt, sich zurückzuziehen. Licht gilt als »gut« und als »Erlösung«, während Dunkelheit als »böse« und »Unglück« angesehen wird. Im Winter ist das Tageslicht nur kurz, und die Dunkelheit der Nächte dauert lange, beginnt sich aber an Tu B'Shvat zu ändern.
Um das Fest zu Tu B'Shvat zu verschönern, bemüht man sich um die seltensten und die schönsten Früchte - je mehr Früchte, desto besser. In einigen Gemeinden werden Hymnen vorgetragen, die auf jede einzelne der sieben Sorten verfasst wurden. Dazu trinkt man

vier Becher Wein, die nach einer ganz bestimmten Anordnung zubereitet werden. Der erste Becher enthält Weißwein und steht als Symbol für den todesähnlichen Schlummer der Winterzeit. Der zweite ist ein Gemisch aus rotem und weißem Wein, wobei der größere Anteil des Rotweins das Erwachen der Kreaturen vom Winterschlummer symbolisieren soll. Der dritte Becher hat noch mehr Anteil an rotem Wein, und der vierte Becher enthält schließlich gänzlich Rotwein. Der Weißwein symbolisiert das fahle Mondlicht, welches während der kalten Winternächte sichtbar ist, während der Rotwein das starke Licht der Sonne symbolisieren soll.
Außerdem stellt die rote Farbe »Din« dar, die Strenge, die weiße Farbe »Chessed«, die Großzügigkeit. Die vier Becher Wein führen also auch ein Spektrum möglicher Verhaltensweisen vor, das von der unerbittlichsten Strenge zur größten Freigebigkeit reicht. Das ideale Verhalten ist das genaue Gleichgewicht zwischen Din und Chessed, zwischen Strenge und Großzügigkeit, ein Gleichgewicht, das man vielleicht nur finden kann, wenn man alle Möglichkeiten ausprobiert hat.

The Library of the Jewish Theological
Seminary of America

Zu Tu B'Shwat pflanzt man in den Wäldern Israels Tausende junger Bäume. Alle Schülerinnen und Schüler des Landes beteiligen sich an dieser Tätigkeit, die die Wüsten wieder hat erblühen lassen. Es ist eine Art ökologisches Fest, das die Menschen der Natur näher bringt und das sie lehrt, sie zu lieben und zu respektieren.
Die große Wertschätzung und ungewöhnliche Zuneigung gegenüber Bäumen kommt nicht nur zu Tu B'Shvat, dem Neujahrsfest der Bäume, zum Ausdruck, sondern geht aus vielen Schriften hervor - dem Tenach ebenso wie dem Talmud und den Midraschim. So gestattet der Tenach in Notzeiten das Schlagen von Zierbäumen, aber zugleich heißt es dort ausdrücklich: "Wenn Du eine Stadt viele Tage belagerst, um sie zu bekämpfen und einzunehmen, sollst Du ihre Bäume nicht vernichten und das Beil auf sie schwingen, denn von ihnen isst Du, zerstöre sie nicht. Denn der Mensch ist der Baum des Feldes." In Notzeiten dürfen zwar Zierbäume geschlagen werden, doch zugleich heißt es: "Nur den Baum, von dem Du weißt, dass er kein Obstbaum ist, darfst Du abholzen."
Das tiefe Verhältnis zum Baum, speziell zum Obstbaum, erklärt, dass das Pflanzen ein wichtiger, würdiger und für die Existenz der Menschen wertvoller Vorgang ist. Ihre Existenz erhält dadurch eine solide Basis, und ihre Augen sind auf die Zukunft gerichtet, denn ein Baum trägt erst nach mehreren Jahren Früchte. Wie wichtig das Pflanzen von Bäumen für unsere Weisen war, lernen wir aus den Worten Rabbi Jochanan Ben Sakkais: "Wenn Du dabei warst, einen Baum zu pflanzen, und man sagt Dir, der Maschiach sei gekommen, vollende zuerst Deine Pflanzung, und dann geh hin, um ihn zu empfangen." Denn die Tatsache, dass Gott nach Vollendung seines Schöpfungswerkes höchst persönlich einen Garten anlegte, entging den Weisen nicht. "Vom Anfang der Schöpfung an beschäftigte Gott sich nur mit dem Pflanzen, denn es heißt: Es pflanzte Gott, der Ewige, einen Garten in Eden. Und Ihr, wenn Ihr ins Land kommt, sollt Ihr Euch auch nur mit dem Pflanzen befassen, denn es heißt: Wenn Ihr ins Land kommt und pflanzen werdet" (Wajikra Raba 25).
Das besondere Verhältnis, das unsere Vorväter zum Baum hatten, blieb trotz der Schwierigkeiten des Exils über Generationen weg erhalten, wenn auch nur als Erinnerung und Andeutung. Hervorstechend ist der Brauch, die Synagoge an Schawuot auszuschmücken. Die Gesetze des Etrog und des Lulaw für Sukkot blieben auch in abgelegenen Ländern erhalten, wo weder Myrthe noch Etrog oder Dattelpalme wachsen. Und ebenso sehr achteten die Juden darauf, zu Tu B'Shwat überall in der Diaspora Früchte zu essen.