Fred Fischer im Gespräch mit Tamar Ascher, 38, Aktivistin der israelischen GLBT-Gruppe, Jerusalem Open House

Anlässlich der European-Israeli Regionalconference 2001 in München
haben wir uns kennen gelernt. Willst du uns ein paar Worte zu deiner Person sagen?

Ich bin 38 Jahre alt, in den USA geboren und in der Schweiz aufgewachsen, seit fast 16 Jahren lebe ich in Israel. Ich arbeite als Ausbilderin für Kleinkinderpädagogik am Lehrerseminar in Jerusalem und liebe meine Arbeit. Am Seminar wissen alle meine Kolleginnen und Studentinnen über mein Lesbenleben Bescheid, und das ist eine große Erleichterung für mich. Ich bin schon etwas über sechs Jahre mit meiner Partnerin zusammen, und vor sechs Monaten hat sie unseren Sohn geboren. Er heißt Nadav und ist eine der nettesten kleinen Personen, die ich je gekannt habe. Nadav hat auch einen Vater, ein schwuler Freund, der Vater sein wollte, und so sind wir ein außergewöhnliches Elterndreieck. Der Vater lebt in Tel Aviv und kommt drei Mal in der Woche nach Jerusalem, um einige Stunden mit uns zu verbringen. So weit, so gut.

Jerusalem Open House – was umfasst dieser Begriff?

Das Jerusalem Open House wurde vor etwas über vier Jahren gegründet, und ist so ziemlich das Gemeinschaftszentrum für Lesben,

Tamar Ascher und Nadav

Schwule, Bi- und Transsexuelle in Jerusalem. Das Open House ist im Stadtzentrum gelegen und wird in einer gemütlichen Wohnung beherbergt. Praktisch jeden Tag gibt es Aktivitäten für die verschiedenen Gruppen die sich gebildet haben, zum Beispiel zwei Jugendgruppen (in den Altersgruppen von 15 bis 18 Jahren und von 19 bis 21 Jahren), Orthodykes (orthodoxe Lesben), zwei Frauengruppen (je nach Alter), eine Männergruppe, eine Gruppe für Leute, die interessiert sind, Arabisch

zu lernen, homosexuelle Elterngruppen und einiges mehr. Die Aktivitäten haben teilweise eine gesellschaftliche Neigung, teilweise eher therapeutisches »Flair«. Das Open House hat auch einen Psycho-Sozialdienst, den es der Homo/Lesbischen Gemeinde anbietet. Außerdem gibt es eine monatlich erscheinende Ausgabe des »Open House Magazin«, das den Mitgliedern (und auch Nicht-Mitgliedern, die interessiert sind) per Post zugeschickt wird.

In welcher Verbindung stehen die Mitglieder des Jerusalem Open House zu den anderen GLBT-Gruppen in Israel?

Die Beziehung des Open House mit anderen GLBT Gruppen in Israel ist eine freundschaftliche Beziehung, wobei wir sogar geholfen haben, einige Gruppen in kleineren Städten Israels auf die Beine zu stellen. Die Beziehungen zwischen den verschiedenen Gruppen des Landes werden von den Mitgliedern des Jerusalem Open House als sehr wichtig und notwendig eingeschätzt, trotz der Spannungen, die manchmal aufkommen.

Wie beurteilst du persönlich die augenblickliche Lage im Land?

Meine persönliche Beurteilung der augenblicklichen Lage in Israel ist etwas schwierig zu beschreiben. Mit »der Lage« beziehe ich mich auf das Problem mit der Intifada und dem palästinensischen Volk, als auch den Krieg mit Irak, der vor uns liegt. Ich finde, je weniger ich mich mit der augenblicklichen Situation auseinander setze, desto weniger panisch fühle ich mich. Während den letzten 16 Jahre, in denen ich im Land bin, hat sich die Lage ständig verschlimmert. Jedes Jahr sieht es ein bisschen schlechter aus, obwohl man sich das von einem Jahr zum nächsten kaum vorstellen kann! Die Politik stinkt überall auf der Welt, aber ich weiß, dass ich vor 16 Jahren noch ganz fest daran glaubte, dass es in Israel anders ist. Naja.

...wie einen eventuellen Einmarsch der Amerikaner im Irak und dessen Folgen für Israel?

Ich nehme an, dass es zuerst noch schlimmer sein muss, bevor es besser werden kann. Zwar weiß ich, dass ein Krieg mit Irak nichts besonders Gutes bringen kann, außer, dass Israel sich für eine Zeitlang nicht mit seiner Innenpolitik auseinandersetzen muss, aber sobald der Krieg vorüber ist, werden die Probleme der Arbeitslosigkeit, der wachsenden Armut und der Spannungen zwischen religiösen und nicht-religiösen Israelis wieder im Mittelpunkt stehen.

Was sagst du zur Zukunft von Israel und Palästina?

Es ist sehr schwierig, sich die Zukunft vorzustellen hier im Heiligen Land… ob es zwei Staaten geben wird? Ob Palästina neben Israel

existieren kann? Ob Arafat jemals ein Palästina neben und nicht anstatt Israel annehmen kann? Es gibt sehr viele Leute, die meinen, dass es hier niemals Frieden geben kann, dass es kein Vertrauen gibt zwischen den beiden Seiten, und dass es dieses Vertrauen auch nie geben kann. Ich glaube, dass wir fünf oder sechs Generationen von friedlichem Leben erleben müssen, bis es einen Frieden mit zwei Staaten geben kann. Ungefähr so, wie die Jahre in der Wüste, als die Israeliten nicht mehr bis aufs Blut geschundene Sklaven waren und nach Israel kommen durften. Aber

um ganz ehrlich zu sein… Ich mag viel lieber mit Nadav spielen, als über Politik reden!

Jerusalem Open House
Kontakt Israel: PO BOX 33107, Jerusalem 91330, Israel. Internet:
www.gay.org.il
Kontakt USA: American Friends of JOH, PO Box 1851, New York, NY 10185-1851