Holocaust Gedenktag 29. April 2003 / 27. Nissan 5763

Die Shoa war eines der schrecklichsten Ereignisse in der jüdischen Geschichte. Sechs Millionen jüdische Menschen wurden ermordet, ein Drittel der gesamten damaligen jüdischen Bevölkerung. Der Schock über die immens große Anzahl der Toten und die Vernichtung vollständiger Gemeinden wird noch größer, wenn man an die Art und Weise denkt, in der dies geschah. Die Namen der Vernichtungslager wie Auschwitz, Sobibor und Treblinka haben sich in das jüdische Bewußtsein eingegraben und erinnern an eine Zeit, in der Wahnsinn und Unmenschlichkeit regierten. Die Tatsache, dass jeder dritte jüdische Mensch auf der Welt getötet wurde, nur weil er jüdisch war, bleibt unbegreiflich. Selbst heute, sechzig Jahre später, ist es schwer, die Shoa auch nur annähernd fassen zu können. Das Ausmaß der Tragödie macht es erforderlich, dass man sich daran erinnert und dass diese Erinnerung einen Ort innerhalb des jüdischen Kalenders bekommt.
Es gibt keinen einheitlichen Zeitpunkt, an dem in progressiven Synagogen der Opfer der Shoa gedacht wird. Zwei unterschiedliche Termine bieten sich dazu an. Viele Synagogen halten das Gedenken an die Shoa an Tischa be-Aw, denn
     - auch dies ist Churban (Zerstörung) und steht neben den
     anderen vernichtenden Ereignissen, der ersten und der zweiten
     Zerstörung Jerusalems.
     - Tischa be-Aw wurde ein Termin für schreckliche Ereignisse in
     der jüdischen Geschichte, zu denen die Shoa gehört.
     - Der Eindruck, den die Shoa hinterläßt, prägt unsere Generation
     wie der Eindruck früherer Tragödien die Generationen, die sie
     erlebten.
     - Tischa be-Aw bekommt auf diese Weise eine Bedeutung für
     unsere Zeit, die dem Tag sonst fehlen würde.

Andere Synagogen ziehen einen ande-
ren Termin vor, zum einen, weil Tischa be-Aw in eine Zeit fällt, in der viele in Urlaub sind, zum anderen, weil die Shoa ein so einzigartiges Ereignis ist, dass man es für nötig hält, einen be-
sonderen Gedenktag festzulegen. Des-
halb halten viele einen Gedenkgottes-
dienst am Jom ha-Shoa, der 1951 durch die Knesset als israelischer Gedenktag an die Shoa festgelegt wurde. Er fällt auf den 27. Nisan, denn in dieser Zeit wurde der Aufstand im Warschauer Getto beendet (angefan-

gen hatte er am ersten Tag von Pessach). Außerdem liegt dieser Termin innerhalb der traditionellen Trauerperiode der Omerzeit. Das Gedenken am Jom ha-Shoa stattfinden zu lassen hat den Vorteil, dass dies im Einklang mit der heutigen Praxis in Israel steht, obwohl einige einwenden, die Identifikation der Shoa mit dem Widerstand im Warschauer Getto spiegele nicht die allgemeine Situation der Opfer, die ermordet wurden, bevor sie wahrnehmen konnten, was geschah oder sich hätten wehren können. In Deutschland und Österreich ist auch der 9. November ein wichtiges Datum, der Jahrestag des Novemberpogroms, das von den Nationalsozialisten beschönigend

»Reichskristallnacht« genannt wurde. Vielerorts wird an diesem Tag an die Gräueltaten während der nationalsozialisti-
schen Herrschaft gedacht. Die deutsche Bundesregierung machte vor einigen Jahren den 27. Januar, den Tag der Befreiung von Auschwitz, zum offiziellen politischen Gedenk-
tag. Es steht den einzelnen

Gemeinden frei, zu entscheiden, an welchem Termin sie das Gedenken stattfinden lassen wollen. Die Gottesdienste beginnen in der Regel damit, dass eine Gedächtniskerze angezündet wird. Verbreitet ist die Sitte, sechs Kerzen anzuzünden, für die sechs Millionen jüdischen Menschen, die starben. In diesem Gottesdienst wird in der Regel ein Text gelesen, der sich auf die Shoa und die Erfahrungen derer, die sie erlebt haben, bezieht. Man spricht ein Gebet, dass speziell für diesen Anlass verfasst wurde:
Wir gedenken der sechs Millionen Toten und aller, die starben, als Wahnsinn die Welt regierte und das Böse in der Welt wohnte. Wir gedenken derer, die wir gekannt haben und derer, von von denen selbst der Name verloren ist.
Wir trauern um alle, die mit ihnen starben, um ihre Güte und um ihre Weisheit, die die Welt hätten retten und so viele Wunden hätten heilen können. Wir trauern um den Geist und den Humor, der starb, um das Lernen und das Lachen, das für immer verloren ist. Die Welt ist ärmer geworden, und unsere Herzen werden kalt, wenn wir an die großen Dinge denken, die hätten sein können.
Wir sind dankbar für ihr Beispiel an Anstand und Güte. Wie Kerzen leuchten sie aus der Dunkelheit jener Jahre heraus, und in ihrem Licht erkennen wir, was gut ist – und was böse. Wir gedenken jener nicht jüdischen Männer und Frauen, die den Mut hatten, außerhalb der Masse zu stehen und mit uns zu leiden. Auch sie sind deine Zeuginnen und Zeugen, eine Quelle der Hoffnung, wenn wir zu verzweifeln drohen.
Um des Leids unseres Volkes willen möge eine solche Zeit nie wieder kommen. Möge ihr Opfer nicht umsonst gewesen sein. In unserem täglichem Kampf gegen Grausamkeit und Vorurteile, gegen Tyrannei und Verfolgung gibt uns die Erinnerung an sie Kraft und leitet uns. In der Stille gedenken wir derer, die Gottes Namen auf der Erde geheiligt haben. In vielen Gemeinden werden in diesem Gottesdienst die Namen der Familienangehörigen genannt, die durch die Shoa starben.
Viele Rabbiner lassen das Gebet zum Gedenken auf die Worte enden: Wir sagen Kaddish für alle, die durch die Shoa aufgrund ihres

Judentums starben, für die, die wir kannten und für die, die wir nicht kannten, für die es niemanden mehr gibt, der das Kaddish für sie sprechen könnte.

Als entsprechende Form häuslichen Gedenkens legen wir nahe, an diesem Tag zu Hause eine Jahrzeit-Kerze zu entzünden. Die Erinnerung an die jüdischen Gemeinden, die durch die Shoa vernichtet wurden, wird auch durch das Gebetbuch für Shabbat, Wochentage und Pilgerfeste lebendig erhalten. Die meisten der dort abgebildeten Synagogen wurden in der »Reichskristallnacht« oder später zerstört. Ebenso gibt es im Gebetbuch für die Hohen Feiertage viele Abschnitte, die sich auf die Shoa beziehen, vor allem in dem Abschnitt über die Märtyrer im Mussaf-Gottesdienst für Jom Kippur. So sind die Seiten der Gebetbücher ständige Erinnerungen an diejenigen, die in dieser schrecklichen Zeit ermordet wurden.
Quelle:
www.hagalil.com