yachad-deutschland.de  

 

 



 

 

"Wir sind zwei"

 

 

 

Man findet nur eine Erwähnung in der gesamten jüdischen, schriftlichen Tradition, welche sich explizit auf den Geschlechtsakt zwischen zwei Männern bezieht. Im Jerusalemer Talmud heißt es: "Als Rabbi Yudah, der Sohn des Pazzi, hinaufging ins Schulhaus, sah er zwei Männer beim Geschlechtsakt. Sie sagten zu ihm, "Rabbi, bitte denke daran, dass Du alleine bist und wir sind zu zweit." (TY Sanhedrin 6:3)

Was meinten die beiden Männer mit dieser anscheinend trotzigen Reaktion? In der Parashah Shoftim gibt Moses dem jüdischen Volk verschiedene Gesetze und Richtlinien, wie z.B. das fundamentale Gesetz "t'zedek, t'zedek tirdof" - "Recht, Recht, danach sollst Du streben" (Deut. 17:20). Des weiteren lernen wir in dieser Parashah über die Notwendigkeit eines klaren Beweises, um einen Juden oder eine Jüdin eines Kapitalverbrechens zu überführen (und nach unserem heutigen Wissensstand gehörte Analverkehr zwischen zwei Männern zu diesen Kapitalverbrechen - Lev. 18:22, 20:13; TB Sanhedrin 54a). Die Thora sagt: "Durch den Mund von zwei Zeugen oder drei Zeugen soll der, der gesündigt hat zum Tode gebracht werden. Man kann nicht zu Tode gebracht werden durch den Mund eines Zeugen." (Deut. 17:6, 19:8).

Wenn man dieses Gesetz kennt, macht der Ausspruch der beiden Männer Rabbi Yudah gegenüber mehr Sinn. Wir können davon ausgehen, daß sie meinten: "Denk nicht daran irgendjemandem etwas darüber zu sagen, was Du gesehen hast, denn Deine Bezeugungen alleine werden uns keine Schwierigkeiten bringen." Wie auch immer, einige Fragen bleiben. Ist es nicht so, daß Rabbi Yudah diese Ausgangslage schon kannte? Immerhin war er Richter in seiner Heimatstadt Lod. Die beiden Männer selber sprechen Yudah als "Rabbi" an, somit war ihnen bewußt, daß sie nicht von irgendjemandem erwischt worden waren. Auch wenn man davon ausgeht, daß sie den Rabbi nur an die "Zwei-Zeugen-Regel" erinnern wollten, hätte der Ausspruch "Du bist alleine" genügt.

Neir P'nei Moshe, ein litauischer Kommentar zum Jerusalmer Talmud aus dem 18. Jahrhundert, beantwortet diese Frage, indem er unsere beiden Protagonisten mit sehr finsteren Motiven belegt.

Nach dem Neir sagen die beiden Männer: "Du bist alleine Rabbi Yudah, also schweige über das, was du gesehen hast, denn wir sind zwei und du könntest durch ein falsches Zeugnis unsererseits beschuldigt werden." Das offensichtliche Problem dieses Kommentars ist sein Ziel ein negatives Bild zu verfestigen und zwar durch die Tatsache, dass er die beiden Männer als abartige Einzelgänger beschreibt, welche alles dafür tun würden ihr Verhalten zu vertuschen. Es scheint sich daher um eine sehr entmutigende Geschichte zu handeln, obwohl dies nicht so sein müsste. Ganz im Gegenteil, wir sollten sie für uns in Anspruch nehmen. Die Sprache des Talmuds mit der die Geschichte der Männer erzählt wird, deutet an, dass sie zusammen bei einem intimen, wenn nicht gegenseitig erfüllenden, sexuellen Akt unterbrochen worden sind. Immer wenn ein hypothetischer sexueller Akt zwischen zwei Männern in der Thora oder im Talmud beschrieben wird, werden die Verben "shachav" oder "reva" verwand, welche bedeuten "sich niederlegen"

oder "sich ausstrecken und zurücklehnen". Dies sind zwei körperliche Beschreibungen, aber ohne jegliches Gefühl. Ähnliches übrigens, wenn die Rabbiner über Lesben reden, fast immer gebrauchen sie die Ausführungen "Frauen, welche sich aneinander reiben" oder "nashim ha'mesolellot". Auch dies sind reine körperliche, antiseptische Ausdrücke.

Im Gegensatz dazu verwendet der Jerusalemer Talmud das Verb "zekak" um die Aktionen unserer Protagonisten zu beschreiben: "shnei b'nei adam nizkakkin ze l'ze". Biblisch gesehen meint "zekak" verfeinern oder reinigen. Wenn es in der Thora als Nomen gebraucht wird, hat es die Bedeutung "eine Kette". (Isaiah 45:14, Psalme 149:8). Gleichzeitig werden auch die Definitionen "abhängig

sein" oder "brauchen" verwand. Alle diese Definitionen beschreiben eine mehr emotionale Verbindung als die vorgenannten Verben "shachav" oder "revah". Es scheint, als ob der Talmud eher eine emotionale Verbindung zwischen den beiden Männern beschreiben möchte, als den isolierten sexuellen Akt.

Dies ist ein entscheidender Punkt für Rabbi Yosef, ein Zeitgenosse Rabbi Yudahs, dessen Minderheitsmeinung man im Babylonischen Talmud findet (TBSanhedrin 9b): "Wenn ein Mann sagt, daß auf seinen eigenen Wunsch hin sexuell in ihn eingedrungen wurde, dann ist er als Zeuge gegen seinen Eindringer ungeeignet, da er aufgrund seiner eigenen Aussage ein Sünder ist und die Thora sagt "kein Sünder soll Zeuge sein"". (Exodus 23:1). Wenn man einmal beiseite lässt, das der Rabbi davon ausgeht Sex zwischen zwei Männern ist eine Sünde, liest man, dass bei einvernehmlichem Sex zwischen zwei Männern der eine nicht gegen den anderen aussagen kann. Wenn man also die Bedeutung des Wortes "zekak" kennt und die Meinung von Rabbi Yosef berücksichtigt, dann scheinen die beiden Männer zu Rabbi Yudah zu sagen: "Du bist alleine und deine Aussage ist nicht ausreichend, um uns in Schwierigkeiten zu bringen.

Und denke nicht einmal daran, einen von uns zur Beschuldigung des anderen aufzurufen, denn "wir sind zwei", welche im Namen von t'zedek oder Gerechtigkeit zusammenhalten; zwei Menschen von denen schon Rabbi Yosef sagt, dass sie nicht gegeneinander aussagen können, weil sie einvernehmlich gleichgeschlechtlichen Sex haben und dies auch so vertreten würden. Und wenn man diese Aussage verkürzt, wie so oft Aussagen im Talmud verkürzt wiedergegeben werden, dann findet man sie wieder in dem Ausspruch: "du bist alleine und wir sind zwei". Vielleicht vermittelt uns also der Jerusalemer Talmud die schwule und lesbische Sichtweise von vor über tausend Jahren ("seid ehrlich, seid stolz über eure Beziehung, denn dann kann euch keiner etwas anhaben").

Wir sollen stolz sein, wann immer wir in den Händen einen "Rabbi Yudah" sind oder auch gegenüber der lautesten Opposition.

Es ist eine Nachricht, die wir uns bei Yachad sehr zu Herzen nehmen sollten, damit wir weiterhin unsere eigene Identität als lesbische Jüdinnen und schwule Juden entwickeln können ­ ganz im Sinne von t'zedek.

 

Ian Chesir-Teran

copyright: Yachad Deutschland, 2000
 
Die aktuelle
Ausgabe:



Übersicht

 


glbt.israel-live.de

yachad-deutschland