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Leserbriefe

 

 

 

Sicherlich haben die meisten von Euch den schwulenfeindlichen Artikel von Rabbiner Abraham Hochwald in der Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung vom 04. Januar gelesen. Der Rabbiner äußert sich an vielen Stellen ziemlich abfällig und schwulenfeindlich, vom Rest des Artikels zu schweigen. Mehrere Yachadniks haben darauf geantwortet und wir wollen diese Leserbriefe hier abdrucken; für den Fall, dass es die Allgemeine nicht tut...

Unfassbar...

Voller Entsetzen las ich in der vorangegangenen Ausgabe der Allgemeinen den Artikel "Kein Pardon für Homosexuelle“ von Rabbiner Abraham Hochwald. Offenbar ist dem Herrn Rabbiner persönlich nicht eine einzige lesbische Frau oder gar ein schwuler Mann bekannt, denn neben den ignoranten, inhumanen Zitaten aus diversen Schriften, war zwischen seinen Zeilen ein ziemliches Maß an Homophobie zu lesen. Untersuchungen haben ergeben, dass Vorurteile am besten abgelegt werden, wenn zur (richtigen) Information auch die persönliche Bekanntschaft mit Angehörigen einer "Minderheitengruppe“ kommt. Zwei alte Mythen, dass homosexuelle Männer keine längerfristigen Beziehungen haben, Kinder belästigen und zur Homosexualität "verführen“ (Päderasten!), haben anscheinend noch immer Einfluss auf vornehmlich konservative Gemüter. Ich halte es für unverschämt und sehr gefährlich zu unterstellen, dass die Akzeptanz vom Homosexualität innerhalb der (jüdischen) Gesellschaft "erwachsene Päderasten“ dazu bewegen würde, noch "aggressiver gegenüber Jugendlichen“ zu sein. Mir persönlich sind etliche Personen bekannt, die innerhalb ihrer Gemeinden verschiedenste öffentliche Ämter und Aufgaben wahrnehmen und dabei hervorragende Arbeit im Sinne der Gemeinde erledigen, währenddessen die übrigen Gemeindemitglieder nicht kollektiv der Homosexualität anheim fallen. Homosexualität auch nur im Entferntesten in Bezug zu einer Krankheit zu bringen, halte ich für besonders fatal und dumm. Es handelt sich hierbei um KEINE Krankheit und deswegen bedarf es KEINER Heilung. Falls wirklich "eine ganze Nation vom fiebrigen Typhus“ befallen würde, so wäre dies tatsächlich eine physische Krankheit. Der Vergleich zur Homosexualität ist absolut unangebracht; auch wenn Herr Dr. Freud wirklich diese Meinung geteilt haben mag. Niemand sucht sich seine/ihre Homosexualität selbst aus, oder wird dazu "geführt“. Für die allermeisten von uns Lesben und Schwulen ist die Akzeptanz des eigenen "Andersseins“ ein mitunter schmerzhafter seelischer Prozess, deshalb müssen wir uns erst recht nicht dafür schämen. Besonders heuchlerisch finde ich die Aussagen über die Sexualität an sich. Glaubt der Herr Rabbiner etwa, dass "normale“ heterosexuelle Paare ihre generativen Organe ausschließlich zur Fortpflanzung benützen? Weshalb stets die Halacha zum Thema Homosexualität herangezogen wird, kann mir nicht einleuchten. Zweifellos repräsentiert Rabbiner Hochwald eine orthodoxe, konservative Richtung und er mag zur Kenntnis nehmen, dass für ultraorthodoxe Lesben und Schwule (die gibt es in der Tat auch...) sogar eigene Notruf-Hotlines existieren. Die Orthodoxie jedoch repräsentiert m.E. eine Auslegung unserer Religion, die nicht die Mehrheit der heute lebenden, modernen Juden darstellt. Fast ausschließlich im liberalen Judentum erfahren wir als jüdische Lesben und Schwule Toleranz und Unterstützung, was wir sehr begrüßen. Bedauerlich nur, dass wir als Kinder jüdischer Eltern zwar natürlich automatisch Teil des jüdischen Volkes sind, uns aber nicht jede Synagogentür offen steht. Das mussten wir durch einen ablehnenden Brief der Münchner Gemeindepräsidentin, Charlotte Knobloch, erfahren. Dass ihr langjähriger Vorgänger im Amt ein (mir persönlich bekannter) offen schwuler Mann war, nämlich Dr. Hans Lamm s.A., ist für Frau Knobloch sicherlich kein Thema. Womöglich hat man in Dr. Lamm`s Homosexualität seinerzeit auch nur eine "Oness“ gesehen. Der Rabbiner mag schreiben, dass uns keine Synagoge "ausklammern“ sollte, die Realität sieht allerdings anders aus. Yachad Deutschland – und speziell die Münchner Gruppe – freut sich darauf im Juni diesen Jahres Gastgeber der 6 th European/Israeli Regional Conference zu sein. Veranstalter ist der World Congress of Gay, Lesbian, Bisexual and Transgender Jews (WCGLBTG). Yachad Deutschland ist, wie rd. 65 jüdische Homosexuellengruppen weltweit, Mitglied des World Congress. Wir wollen den rd. 150 Teilnehmern der Münchner Conference beweisen, dass es möglich ist, als lesbische Jüdin/schwuler Jude in Deutschland zu leben – gerade hier. Mir sajnen do!, das ist unser Motto und wir laden Frau Knobloch, Herrn Rabbiner Hochwald und alle anderen Skeptiker ein, sich davon zu überzeugen.

Fred Fischer
 

"Jüdische Homoehe"

 

 

 

Ganz natürlich kommt der Wunsch bei religiösen jüdischen Lesben und Schwulen Ihre Beziehung vor ihrem Rabbiner und ihrer Gemeinde zu bekräftigen, ob nun durch einen Eheschluß oder eine andere Form der religiösen Feier. In den Vereinigten Staaten sind diese Zeremonien keine außergewöhnlichen Ereignisse mehr und unterscheiden sich in Ablauf und Intensität nicht mehr von der Heirat heterosexueller Paare. Doch wir sind nicht in Amerika. In Deutschland ist die Zahl rein jüdischer Paare in der Lesben- und Schwulenszene eher gering und noch geringer ist die Zahl der Paare, die eine Eheschließung unter der Chuppa eingehen würden (hier unterscheiden sich die Lesben und Schwulen kaum von ihrer heterosexuellen Umwelt). Des weiteren ist ein hoher Grad an Selbstbewußtsein, das Coming Out (Eingeständnis seiner Homosexualität sich selbst und der Umwelt gegenüber) immer eng verbunden mit der Stärke der jüdischen Reformbewegung in einem jeweiligen Land. Und bei uns in Deutschland ist diese Reformbewegung erst am Anfang und zur Zeit möchte sich kaum einer der Reformer auch noch die jüdischen Lesben und Schwulen "aufhalsen“. Daher möchte ich auf den wirklich wichtigen Teil der Diskussion über die sogenannte "Homoehe“ zu sprechen kommen. Die Gleichstellung Homosexueller in rechtlicher Hinsicht. Genau wie unsere nichtjüdischen schwulen und lesbischen FreundInnen fordern wir Gleichheit im Steuer- und Erbrecht. Wir verlangen ein Zeugnisverweigerungsrecht und das Recht ggf. ohne die Zustimmung von Verwandten unsere Partner im Krankenhaus besuchen zu können. Es wird Zeit, daß Heterosexuelle keine Angst mehr davor haben etwas durch die "Homoehe“ weggenommen zu bekommen – ich frage mich was dies denn sein soll? Wir verlangen eine Gleichstellung, wenigstens die meisten von uns und - ja, einige fordern auch die "Anerkennung“, sie möchten, daß die Gesellschaft anerkennt, daß da zwei Menschen eventuell schon Jahrzehnte zusammen leben und lieben und das es möglich ist, diese Liebe auch öffentlich zu bekunden vor der Welt – und vor G“tt? Dieser Schritt ist wie ausgeführt zu früh in Deutschland, aber müßte es die Rabbiner in diesem Land nicht fröhlich stimmen, daß zwei Menschen ihre Liebe vor G“tt und den Menschen bekunden möchten – als Bestandteil einer jüdischen Gemeinschaft, die von offizieller Seite so auf Einheit bedacht ist.

Yachad, die Vereinigung jüdischer Lesben und Schwule, hat eine Befragung unter den in Deutschland tätigen Rabbinern gemacht und dabei festgestellt, daß die meisten Rabbiner diesen Teil Ihrer Gemeinde in keinster Weise ernst nehmen – ich möchte nicht warnen, aber meine Traurigkeit ausdrücken, daß man damit ca. 6.000 jüdischen Menschen in diesem Land die Tür weist. Und wieder sind wir an dem wichtigsten Punkt... es ist Zeit den Lesben und Schwulen in diesem Land innerhalb und außerhalb der jüdischen Gemeinden ihre Rechte zu geben und dann haben die Rabbiner, andere Offizielle und die gesamte jüdische Gemeinschaft ganz sicher etwas für die jüdische Einheit in diesem Land getan.

Aaron Knappstein

 

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