yachad-deutschland.de  

 

 



 

 

Die Psychiatrie und die Homosexuellen im Dritten Reich

 

 

 

Betrachtet man im Rückblick das Dritte Reich und den Holocaust, so rückt unweigerlich die Exekutive, bzw. die Judikative ins Blickfeld. SS und Justiz stehen im Vordergrund. Fallen die Schlagworte "Antisemitismus" oder "Ausrottung von Minderheiten" so weiß die historische Forschung rasch über die Herkunft dieser Ideologien zu berichten.

Nur der Begriff "Psychiatrie" fehlt. Hier hat gerade die bundesdeutsche Forschung ganze Arbeit "geleistet", von den auch nach 1945 im Amt verbliebenen Fach-Ordinarien gar nicht zu reden. Was an Dokumenten und Quellen das Kriegsende überstanden hatte, ging in der Folgezeit in rätselhaften Hausbränden oder Wasserschäden unter. Dabei war es gerade die Deutsche Forschungsanstalt für Psychiatrie (DFA) in München, wo Gedankengut aus Anthropologie, Biologie, Medizin, Psychiatrie und Psychologie zu einem Gemisch verarbeitet wurde, das der Exekutive und Judikative des Dritten Reiches das theoretische Fundament zu nahezu jeder Form von Ausrottungspolitik bereitstellte. Sekundiert wurde der DFA durch das Kaiser-Wilhelm-Institut (KWI) für Biologie oder dem KWI für Anthropologie in Berlin. Ferner spielte die Kriminalbiologische Sammelstelle, welche in die DFA seit 1930 inkorporiert war hinsichtlich der Behandlung von Strafgefangenen jeder Couleur eine entscheidende Rolle. Geprägt durch die Vernichtungsschlachten des ersten Weltkrieges glaubten Rassehygieniker und Psychiater, dass dem deutschen Volk die tatkräftige Jugend ausgehe. Infolgedessen suchte man sämtliche "Jugendverführer" auszumerzen. Debattierte man in den 1920er Jahren noch über Heilung der in summa als "Sittlichkeitsverbrecher" abqualifizierten Homosexuellen via Psychotherapie, so war nach 1933 bald nur noch von Kastration die Rede. Die an Mendel orientierte psychiatrisch-eugenische Forschung versuchte inzwischen die Herkunft der Homosexualität zu ergründen um frühzeitig "prophylaktische Maßnahmen" ergreifen zu können. Hierbei wurden sowohl Abtreibung der Föten als auch Sterilisierung der Eltern oder Kastration von Jugendlichen in Erwägung gezogen. In enger Zusammenarbeit mit der Justiz bemühten sich Psychiater als Sachverständige vor Gericht entsprechende Verurteilungen zu erwirken. Inhaftierten Homosexuellen attestierten Kriminalbiologen anschließend eine negative soziale Prognose um damit endgültig den Weg für die Entmannung zu bereiten. Das wissenschaftliche Niveau sank bis Ende der 1930er Jahre dabei auf nie gekannte Tiefen ab. Dabei befand sich die Forschung in einem steten Dilemma, ging man doch von der genetischen Bedingtheit der Erbkrankheiten aus. Doch gerade bei Homosexualität pochte die Psychiatrie seit etwa 1900 auf die Gefahr der "Verführung". Und zugleich ließ sich nicht leugnen, dass gerade die brutale Verfolgung Homosexuelle in den Untergrund und in Scheinehen zwang wodurch einer Weitervererbung der Homosexualität geradezu der Weg bereitet wurde. Zudem stellte sich heraus, dass die vornehmlich von Prof. Tirala (München) angenommene Verbindung zwischen Homosexualität und "jüdischer Rasse" wissenschaftlich unhaltbar war. Dies alles brachte die Psychiatrie bis 1945 nicht von ihrem Kurs ab. Und auch nach dem Krieg sollten sich die grundlegenden Prinzipien des Faches nicht wesentlich ändern, schließlich konnte eine Kontinuität der Personen größtenteils gewahrt werden. Und wie oben angeführt, steht die historische Forschung vor dem Problem, dass viele Quellen verlorengegangen sind/wurden.

Daher eine Bitte: Solltest Du, geneigter Leser, von irgend jemand in Deiner Familie oder sonst irgendwo in der weiten schwulen Welt wissen, dass er im Dritten Reich in Kontakt mit Psychiatrie/Kriminalbiologie oder einfach wegen seiner Homosexualität vor Gericht kam, so setze Dich bitte mit mir in Verbindung.

fgmilian@aol.com

 

copyright: Yachad Deutschland, 2000
 
Die aktuelle
Ausgabe:



Übersicht

 


glbt.israel-live.de

yachad-deutschland