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Das
Thema Homosexualität und gleichgeschlechtliche Partnerschaft
hat die Seifenopern erobert. Vor Jahren machte die
„Lindenstrasse“ den Anfang, nun geht es in deutschsprachigen
Arztserien um die Frage des Besuchsrechts von schwulen
Partnern bei ihrem Lebensgefährten und böse Verwandte, die
die Chance nutzen, solche Paare in Krisensituationen zu
trennen. Im Umfeld der rechtlichen Absicherung eingetragener
gleichgeschlechtlicher Partnerschaften schlägt in
Deutschland eine Debatte hoch, die die USA schon vor Jahren
erreicht hatte. Die Paraden zum Christopher Street Day in
Berlin, Köln oder Wien sind von der politischen Kampagne zu
allgemeinen Volksfesten mutiert. Damit zeigt sich, wie sehr
die Menschen gelernt haben, auf Lesben und Schwule zuzugehen
und ihre Rechte im staatsbürgerlichen Kontext ernst zu
nehmen. Aber wie sehen die Religionen das? Uns Theologen
wird nicht gerade ein avantgardistisches Bild Umgehen mit
Fragen nachgesagt, die biblischer Verteufelung sicher sein
können. Und wir Juden? Wie feiert sich der Christopher
Street Day in Tel Aviv oder an der Upper West Side von New
York? Auch wenn das Meinungsbild immer noch breit gestreut
ist: es hat sich viel getan in der jüdischen Bewertung von
Lesben und Schwulen. Und die Auseinandersetzung um eine
zeitgenössische Betrachtung des Themas war heftig. Heute
nehmen die progressiven Rabbinerseminare in Los Angeles,
Jerusalem, Cincinnati, Philadelphia, London, New York und
Potsdam offen lesbische Jüdinnen und schwule Juden als
Kandidaten für das geistliche Amt auf. Die Zentralkonferenz
amerikanischer Rabbiner als weltweit größter Berufsverband
schützt die Mitglieder ihrer homosexuellen Mitglieder. Die
in der Union zusammengeschlossenen liberalen jüdischen
Gemeinden in Deutschland, Österreich und der Schweiz freuen
sich über schwule und lesbische Mitglieder als Bereicherung
und Bestandteil einer religiösen jüdischen Gemeinschaft.
Aber wie so oft ist das Meinungsbild divers. Orthodoxe und
konservative Jüdinnen und Juden tun sich noch schwer, ihren
homosexuellen Brüdern und Schwestern so offen die Hand zu
reichen. Das liegt an einem vorkritischen Umgang mit der
jüdischen Tradition, die nicht immer nur Lust, sondern
manchmal auch Last ist. Die hebräische Bibel hat eine
unerbittlich negative Einstellung zur Homosexualität: „Mit
einem Mann sollst Du nicht so zusammen liegen wie mit einer
Frau. Dies ist ein Greuel“ (Lev. 18,22 Achare Mot). Diese
Verurteilung wird in Levitikus 20,13 (Kedoschim) sogar noch
schärfer formuliert. Dort wird allen, die es tun, die
Todesstrafe angedroht. Lesbische Beziehungen werden in der
Bibel nicht erwähnt, doch sie erscheinen zum ersten Mal im
Talmud (Shabbat 65a;Jewamot 76a). Obwohl auch diese
Beziehungen verurteilt werden, fällt auf, dass sie nicht mit
Strafen verbunden sind und die Abneigung gegen lesbische
Beziehungen schwächer ist. Möglicherweise liegt dies daran,
dass der körperliche Akt weniger deutlich ist und dabei kein
Samen vergossen wird. Diese negative Einstellung über
schwule und lesbische Beziehungen bildete die klassische
Position des Judentums zu diesem Thema, die bis in die
letzten Jahrzehnte unhinterfragt geblieben ist. Sie wird von
der Othodoxie bis heute vertreten, die die Homosexualität
als eine Perversion erachtet. In liberalen Synagogen gibt es
seit Ende der sechziger Jahre die Bereitschaft, das Thema im
Licht moderner Erkenntnisse neu zu untersuchen. Woran liegt
das? Das Umfeld der Frage hat sich erheblich gewandelt. Nach
gegenwärtigen medizinischen Erkenntnissen ist Homosexualität
oft eine Anlage, die die betreffende Peron seit ihrer Geburt
hat. Die Mehrheit aller homosexuellen Menschen hat in dieser
Hinsicht keine Wahl und betrachtet ihre Anlage als
naturgegeben. Man schätzt, das etwa 5 – 10 % der Bevölkerung
homosexuell sind und es gibt keinerlei Anzeichen, dass der
jüdische Anteil hier eine Ausnahme bildet. Daher wäre es
falsch, diejenigen, deren Homosexualität zu ihrem
natürlichen Leben gehört, als sündhaft zu betrachten. Sie
sind, wie sie geboren wurden und können Genesis 1,27
paraphrasieren: „Als Mann und Frau schuf er mich“. Trotz
dieser vernünftigen Erklärung tun sich viele heterosexuelle
Menschen äußerst schwer mit dem Thema Homosexualität. Dies
ist zum einen das Ergebnis einer angeborenen Abneigung denen
gegenüber, die anders als man selbst sind und deren
Lebensstil das „normale Muster“ von Fortpflanzung und
Familienleben verlässt. Außerdem stützt sich die Abneigung
auf einer Reihe von unbegründeten Vorurteilen, zum Beispiel
der Annahme, Homosexuelle seien generell pädophil. Diese
Verallgemeinerung ist genauso unberechtigt wie jene, alle
heterosexuellen Männer würden Mädchen vergewaltigen. Daher
ist es wichtig zwischen der persönlichen Einstellung zur
Homosexualität und den Rechten von Juden zu unterscheiden,
die lesbisch oder schwul sind. Außerdem muss die heutige
Rechtslage berücksichtigt werden. Seit Jahrzehnten sind
homosexuelle Handlungen strafrechtlich nicht mehr verfolgt,
wenn sie zwischen erwachsenen Menschen in gegenseitigem
Einvernehmen im privaten Bereich geschehen. In der
Vergangenheit waren lesbische Beziehungen nicht von den
Verboten bestimmter sexueller Verhaltensweisen betroffen
(möglicherweise weil man sie nicht für existent hielt) und
daher nie in vergleichbarer Weise illegal wie schwule
Beziehungen. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass
die sexuellen Vorlieben eines Menschen nur ein Aspekt seiner
Persönlichkeit sind. Dies betrifft Homosexuelle wie
Heterosexuelle. Daher können sie nicht das einzige Kriterium
sein, nach dem eine Person beurteilt wird, ja man muss
sagen, eigentlich gehen sie niemanden etwas an, solange
nicht andere Menschen dadurch verletzt werden. Wichtig ist:
eine Person sollte aufgrund ihres Charakters, ihrer Reife,
ihres ethnischen Verhaltens und ihrer Beteiligung am
jüdischen Leben beurteilt werden. Es müsste
selbstverständlich sein, dass sich jüdische Homosexuelle so
jüdisch fühlen wie jüdische Heterosexuelle, die eine
jüdische Erziehung in einer jüdischen Familie hatten und
dieselbe jüdische Prägung wie andere erfahren haben. Der
einzige Unterschied ist, dass sie sich oft durch die Art und
Weise isoliert fühlen, in der die jüdische Gemeinde oft
ausschließlich auf Ehepaare mit Kindern fixiert ist.
Ebenfalls ist das Stigma, mit dem die Homosexualität sowohl
von der jüdischen Tradition, als auch von einzelnen Juden
behaftet wird, sehr stark im Bewusstsein und kann dazu
führen, dass sich Lesben und Schwule aus dem Gemeindeleben
entziehen, weil sie befürchten, abgelehnt zu werden. Diese
Fehlentwicklung müssen wir verhindern. Denn jüdische
Homosexuelle können jüdisch sein, eine starke jüdische
Identität haben und sich dem jüdischen Leben und Bräuchen
verbunden fühlen. Es ist daher klar, dass die traditionelle
Auffassung des jüdischen Gesetzes in einem Zeitalter, in dem
Homosexualität als eine nicht zu verändernde Anlage
angesehen wird, nicht mehr angemessen ist. Es gibt keinen
Grund, warum Juden, von denen man zufällig weiß, dass sie
homosexuell sind, nicht Mitglied einer Synagoge werden und
voll am Gemeindeleben teilnehmen könnten. Wenn ein
homosexueller Mensch seine Sexualität offen lebt, mag das
zwar andere in Verlegenheit bringen, dies trifft aber in
gleicher Weise auf Heterosexuelle zu, die sich in der
Öffentlichkeit in einer offenkundig sexuell provokanten
Weise verhalten. Zur Sexualität wie zu fast allen Dingen im
Judentum gibt es eigentlich keine alleinseligmachende
Lehrmeinung. Dennoch wäre es wohl angemessen, dass aus
jüdischer Sicht der Homosexualität alle sexuellen Handlungen
erlaubt sein sollten, wenn sie zwischen erwachsenen
Menschen, in gegenseitigem Einvernehmen im privaten Bereich
geschehen, - so wie das Judentum schon immer eine Vielfalt
von Handlungen zwischen heterosexuellen Ehepartnern in der
Intimität ihres ehelichen Lebens erlaubte (Talmud, Nedarim
20b). Umgekehrt werden alle Formen der Untreue, Promiskuität
oder sexuellen Ausbeutung verurteilt, unabhängig davon, ob
sie von Hetero- oder Homosexuellen verübt werden. Außerdem
sollte man der Doppelmoral ein Ende setzen, demzufolge
Menschen, die das siebte Gebot übertreten und Ehebruch
begehen, unbescholten davon kommen können, während man
Schwule und Lesben, die treue Beziehungen leben, mit Abscheu
betrachtet. In den USA und Großbritannien haben sich eigene
Synagogen für Lesben und Schwule gegründet. Für die
Herausbildung einer stabilen Identität als religiöse Juden
war diese Entwicklung vielleicht ein wichtiger Schritt. Es
wäre zu hoffen, das liberale Gemeinden es als ihre besondere
Aufgabe betrachten, eine solche selbstgewählte Ausgrenzung
unnötig zu machen: durch Offenheit und Toleranz für
Lebensstile, die sich vom eigenen abheben. Das sollte unser
Ziel sein: integrativ zu wirken und alle Juden guten Willens
in ihrer Suche nach Gott ebenso zu stützen, wie in dem
Bemühen ihren Nächsten zu lieben.
Ein
damit zusammenhängendes Thema sind Segnungen homosexueller
Paare. In Deutschland sind homosexuelle Partnerschaften
zivilrechtlich seit August 2001 anerkannt und besitzen damit
den Schutz der Allgemeinheit. Diese Praxis folgt der in
vielen anderen europäischen Staaten. Neben der zivilen
Rechtsform der eingetragenen Partnerschaft sollte es keinen
Hinderungsgrund geben, warum ein Paar seine Verantwortung
füreinander nicht auch in einer religiösen Zeremonie
öffentlich bekundet. Die Frage der Form religiösvollzogener
Lebenspartnerschaften von Lesben und Schwulen ist
augenblicklich heiß diskutiert. Hier unterscheiden sich die
Debatten in evangelischen Kirchen wenig von denen, die im
liberalen Judentum unter Rabbinern geführt werden. Deutlich
ist, dass wir seit Jahren nach geeigneten Formen suchen und
in Gemeinden damit experimentiert wird. Für mich persönlich
hat sich ein ganz einfaches Zeichen bewährt: eine gute
Gelegenheit bietet das Anbringen einer Mesusa in der
gemeinsamen Wohnung. Das jüdische Glaubensbekenntnis am
Pfosten der gemeinsamen Haustür symbolisiert die Gründung
eines jüdischen Zuhauses mit der Hoffnung, dass diejenigen,
die hier wohnen, in Harmonie zusammenleben mögen. Das
Judentum hat soviel Erfahrung mit Diskriminierung und
Unterdrückung. Es steht und gut an, diesen Leidensweg denen
zu ersparen, die als Geschöpfe Gottes auf seine Nähe bauen
dürfen. Deshalb können homosexuelle Partnerschaften nicht
nur unseren Schutz erwarten, sondern vor allem unsere
Anerkennung und freundliche Unterstützung.
Rabbiner Prof. Dr. Allen Podet D.D. lehrt jüdische Studien
an der Buffalo State University New York. Er ist gegenwärtig
Gründungsrektor des Abraham Geiger Kollegs zur Ausbildung
von Rabbinerinnen und Rabbinern in Potsdam und hat in dieser
Funktion eine Gastdozentur des Deutschen Akademischen
Austauschdienstes inne. Rabbiner Podet ist Mitglied der
Zentralkonferenz amerikanischer Rabbiner und diente im Rang
eines Kapitäns zur See im Seelsorgedienst der Marine der
USA.
Der
Beitrag ist die gekürzte Fassung eines Artikels in der „Welt
am Sonntag“.
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