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MSD 39

RELIGION 10-2003

Rosh HaShana

Im Gegensatz zu den anderen wichtigen jüdischen Festen, sind die Hohen Feiertage, die „Jamim Noraim“ („Furchtbaren Tage“, „Gewaltigen Tage“, „Tage der Ehrfurcht“), und es ist kein Zufall, dass, in der einen oder anderen Weise, buchstäblich jede Jüdin und jeder Jude an Rosh HaShana und Jom Kippur teilnimmt. Denn die Bedeutsamkeit der Feiertage des Monats Tischri ist so tief, dass sie jede jüdische Seele anrührt, ungeachtet des Wissens jedes Einzelnen oder seiner Verpflichtung gegenüber dem Judentum. Tischri ist der gehaltvollste Monat des jüdischen Kalenders. Von Rosh HaShana, an dem die Jamim Noraim beginnen, über Sukkot und Simchat Tora, der Zeit unserer Freude, machen diese Feiertage den Ton aus, der das gesamte kommende Jahr bestimmt. Das Buch des Lebens. Am ersten Abend von Rosh HaShana, nach dem G‘ttesdienst, sagen wir zueinander den traditionellen Segensspruch: „Mögest Du eingeschrieben und besiegelt sein, für ein gutes Jahr!“ Unsere Weisen erklären, dass wir alle an Rosh HaShana vor G‘tt vor Gericht stehen – wie eine Schafherde vor ihrem Hirten. Wenn wir es wert sind, werden wir in das „Buch des Lebens“ eingetragen. Zehn Tage später, an Jom Kippur, wird das Buch versiegelt. Durch Reue, Gebet und Wohltätigkeit, können wir den Beschluß abmildern und G‘ttes Segen für Gesundheit, Wohlbefinden und Wohlstand für das kommende Jahr verdienen. Rosh HaShana ist der Tag, an dem G’tt die Erschaffung der Welt vollendet hat, indem er Adam schuf, den ersten Menschen. Adams erste Tat war, den Allmächtigen als König des Universums zu proklamieren. Er rief zu den Kreaturen: "„Kommt, laßt uns ehren, laßt uns niederbeugen und niederknien vor G'‘t unserem Schöpfer“. Jedes Rosh HaShana proklamieren auch wir das Königtum G’ttes und erneuern unsere Verpflichtung ihm gut zu dienen. So wie G’tt an dem ursprünglichen Rosh HaShana die Welt zum ersten mal schuf, so überdenkt und schätzt ER die Qualität unserer Beziehung zu ihm neu ein, und ebenso erschafft er die Welt neu.

Das Shofar

An beiden Tagen von Rosh HaShana hören wir tagsüber den Klang von zumindest den ersten dreißig vorgeschriebenen Tönen des Shofarblasens. Das Shofar, ein Widderhorn, das älteste und seelenvollste aller Blasinstrumente, hat viele Bedeutungen. Es verkündet u.a. die Krönung G’ttes als König des Universums, es weckt uns auf um Reue zu empfinden und zu G’tt zurückzukehren (Teschuwa). Es erinnert uns an das Shofar, das am Berg Sinai gehört wurde, als wir die Gebote G’ttes für alle Zeiten akzeptierten, das Shofar repräsentiert den einfachen ursprünglichen Schrei aus der Tiefe der Seele, es nimmt den Ruf des großen Shofar vorweg, den G’tt ertönen lassen wird, wenn Moshiach kommt. Der uns aus dem Exil in unser Heiliges Land führen wird – schnell noch in diesen Tagen.

Tashlich

Am ersten Tag von Rosh HaShana, nach dem Nachmittagsgebet, gehen wir an ein fließendes Gewässer, in dem Fische leben, und sprechen das Tashlich-Gebet, in dem wir unsere Sünden wegwerfen; symbolisch wirft man Brotkrummen anstelle der Sünden ins Wasser. So wie die Fische vom Wasser abhängig sind, so sind wir auf G’ttes Fürsorge angewiesen. Und da sich Fischaugen niemals schließen, symbolisieren sie G’ttes ununterbrochene Wachsamkeit über uns.

Speisen zu Rosh HaShana

Es ist üblich, zu Rosh HaShana Speisen zu essen, die Süße, Segen und Überfluß symbolisieren. Wir tauchen die Challe in Honig und danach, in der ersten Nacht, essen wir ein Stück Apfel, das ebenfalls in Honig getaucht wird. Nach dem Segensspruch über den Apfel fügen wir hinzu: „Möge es dein Wille sein, für uns ein gutes und süßes Jahr zu erneuern“. Andere Gebräuche sehen vor, dass man den Kopf eines Fisches ißt, Granatäpfel und Karotten.

Jom Kippur

Obwohl die Jamim Noraim, die Tage der Ehrfurcht, ernste Tage sind, so sind sie doch nicht traurig. Tatsächlich ist Jom Kippur, in einer sehr bescheidenen Art, einer der fröhlichsten Tage des Jahres. Denn an Jom Kippur erhalten wir das, was vielleicht G’ttes größtes Geschenk ist: Seine Vergebung. Wenn eine Person einer anderen verzeiht, dann geschieht das aus einem Gefühl der Freundschaft und der Liebe, dass alles, was falsch gemacht worden ist, überstrahlt. Obwohl wir SEINEN Willen übertreten haben mögen, bleibt unser Wesentlichstes, unsere Seele rein. Jom Kippur ist der eine Tag des Jahres, an dem G’tt uns ganz deutlich offenbart, dass unsere und seine Existenz eins sind. Ja, mehr noch. Auf der Ebene der Seele ist das jüdische Volk gänzlich gleich und unteilbar. Je mehr wir unsere besondere Einheit durch Taten die Liebe und Freundschaft untereinander unter Beweis stellen, desto mehr wird G’ttes Liebe uns offenbart.

Der Abend von Jom Kippur

Am Vortag von Jom Kippur nehmen wir ein festliches Mahl zu uns, um Glauben und Vertrauen in G’ttes Gnade zu demonstrieren. Eine andere wundervolle Gewohnheit ist es, dass Eltern ihre Kinder mit der priesterlichen Weihe segnen: "„Möge G'tt dich segnen und beschützen... Möge G’tt sein Antlitz über dich scheinen lassen und dir wohl gesonnen sein...Möge G’tt dir sein Angesicht zuwenden und dir Frieden schenken...“ Jom Kippur sühnt die Sünden wider G’tt, aber nicht das Fehlverhalten unter Menschen. Daher ist es am Vortag wichtig, sich zu entschuldigen und von seinen Freunden und Verwandten Vergebung zu erbitten. Um gekränkte Gefühle, die entstanden sein mögen, zu heilen.

Fünf Verbote

Zusätzlich zum Arbeitsverbot sind fünf weitere Tätigkeiten an Jom Kippur untersagt: Essen und Trinken, Waschungen (zum Vergnügen), das Benutzen von Lotionen und Parfüms, Geschlechtsverkehr und das Tragen von Lederschuhen.

Ein Tag des Gebets

An Jom Kippur sind wir von allen materiellen Dingen befreit und können diesen Tag ganz dem Gebet widmen. Wir beginnen das Abendgebet mit dem Gesang des „Kol Nidre“, das uns von jeglichen Schwüren befreit, die wir im kommenden Jahr begehen könnten. Während eines jeden Hauptgebetes an Jom Kippur sprechen wir das „Vidui“. Das Bekenntnis, in dem wir alle unsere Sünden, die wir begangen haben könnten, aufzählen und in dem wir G’tt um Verzeihung bitten. Das Schlußgebet des Tages, wenn unser Urteil für das kommende Jahr besiegelt wird, ist das „Neila“. Es ist dies das einzige Gebet während des ganzen Jahres, an dem der Toraschrein von Anfang bis Ende offen bleibt. Das bezeichnet, das die Tore im Himmel während des Gebetes für uns weit offen stehen. „Neila“ findet seinen Höhepunkt im „Sch‘ma Israel“ und anderen Gebeten und Versen, die unisono gesprochen werden sowie mit dem letzten Shofarblasen.

Sukkot

In Israel und den meisten liberalen Gemeinden der Galut (Diaspora), wird nur der erste Tag von Sukkot als Jom tow gefeiert. Es ist ein schon in der Tora erwähntes Fest am Abschluss der Erntesaison und eines der drei Wallfahrtsfeste (Shlosha Regalim), die mit einem Aufstieg zum Tempel in Jerusalem begangen wurden. An Sukkot sollte sich jeder in Erinnerung rufen, daß es einmal eine Zeit gab, als Israel ein besitzloses Nomadenvolk in der Wüste war und keinen Ernteertrag hatte. Dies soll den Menschen zu verstärktem Dank und Anerkennung für die Gaben G'ttes bringen. Deswegen wurde die Errichtung einer Sukka - einer "Laubhütte" angeordnet mit dem biblischen Gebot, während des Erntedankfestes in die der Hütte zu wohnen.

HaSukka

Die Sukka (die Hütte) darf kein beständiger Bau sein, sie soll an die notdürftigen Behausungen des Übergangs des Volkes Israel während der Wanderung in der Midbar Sinaj erinnern. Die Wände können aus jedem Material (Holz, Zeltplane, gespannte Decken etc.) bestehen, die Bedachung jedoch nur aus Laub und dies nur so dicht bzw. undicht, dass man ein wenig durchblicken und den Himmel sehen kann.

Schemini Azeret

Der Achte (Schmini) zum Abschluß (Azereth), das ist der 8.Tag von Sukkot (in der Diaspora auch der 9.Tag) ist ein Feiertag für sich und beginnt auch wieder am Vorabend. Er hat keine besonderen Zeremonien oder Rituale. Er wird jedoch wie jeder Feiertag begrüßt mit Festlichtern, Kidusch Schehechäjanu. Es gilt das Ruhegebot für Jom tow. Das Musaf (Zusatzgebet) enthält die Tfilath haGeschem, eine besondere Bitte um Regen. Etliche Gemeinden halten ein Jiskor, eine Totengedenkfeier.

Simchat Tora

Am Abend des Schmini Azeret beginnt Simchat Tora, das Fest der Torafreude. Dieses wird erst seit dem 9. Jahrhundert (allg.Z.) explizit gefeiert. Seit jeher findet zu diesem Zeitpunkt jedoch der jährliche Zyklus der Paraschoth, der wöchentlichen Toralesungen, seinen Abschluß. Simchat Tora folgt direkt auf Schmini Azeret, d.h. ein Feiertag folgt dem nächsten. Beim Lichtzünden wird deshalb Feuer von einer bereits vorhandenen Flamme genommen - nach Einbruch der Dunkelheit, denn an Feiertagen ist es nicht erlaubt neue Flammen zu erzeugen. Zur Feier des Tages werden bereits am Erew Simchat Tora alle vorhandenen Torarollen, aus dem "Aron haKodesh" herausgehoben und unter Tanz und Gesang finden sieben Umzüge statt. An diesen Hakofoth nehmen auch die Kinder teil, anstelle der Torarollen tragen sie Fähnchen mit Abbildungen der Tora. Am Morgen des Simchat Tora werden die Umzüge wiederholt. Anschließend findet die feierliche Beendigung der Toralesung (diese ehrenvolle Aufgabe nimmt der zur Lesung aufgerufene Chatan Tora "Bräutigam der Tora" wahr, und gleichzeitig der Neubeginn der Lesung (diese ehrenvolle Aufgabe nimmt der zur Lesung aufgerufene Chatan Berschith "Bräutigam am Anfang" wahr) mit dem 1. Buch der Torah statt. Durch die Zuweisung der Funktion der Chatanim ist es der Gemeinde möglich einzelne Mitglieder in besonderer Weise Ehre zu erweisen, grundsätzlich wird an diesem Tage aber jeder am G'ttesdienst teilnehmende Mann zur Toralesung aufgerufen! Ebenso werden alle Kinder unter dem Bar Mizvah-Alter gemeinsam zur Toralesung aufgerufen, dies unter der Aufsicht eines Erwachsenen, der die Ehre hat Chatan kol haNe'arim ("Bräutigam aller Jugend") zu sein. Er beschenkt die Kinder anschließend mit Süßigkeiten und soll ihre Liebe zur Tora fördern. Die drei Chatanim bewirten anschließend die gesamte Gemeinde, falls dazu nicht die Gemeinde insgesamt einlädt.  Nach der Feier geht man zu Kiddush und Mittagstisch, am Abend, d.h. nach Einbruch der Dunkelheit wird die "Festwoche" durch die "Hawdalah" abgeschlossen.

In Israel und den meisten liberalen Gemeinden der Galut, werden Schmini Azeret und Simchat Tora als ein Feiertag begangen. Bereits am Abend des letzten Halbfeiertages (Hoshana raba) finden Toraumzüge mit Gesang und Tanz statt. Am Morgen des 22.Tischri (in der Galut Schemini Azeret) wird dann die Tfilath haGeschem als auch der Jiskor abgehalten und direkt anschließend beginnen die sieben Hakafoth mit den Torarollen. Besonders in Israel hat es sich eingebürgert die Feiern mit musikalischen Darbietungen zu krönen. Zur Hawdalah finden Hakafoth häufig im Freien statt. In den Höfen der Synagogen und auf größeren Plätzen spielen Kapellen, es wird zu Tanz und Gesang gebeten.

msd39 sept/okt 2003

 
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