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MSD 42

EDITORIAL 04-2004

Pro und Contra:
Soll es für homosexuelle Paare einen Segen unter der Chuppa geben?

(Quelle - Jüdische Allgemeine Februar 2004)

Pro: Partnerschaft ist heilig
von Rabbiner David Lazar, Israel

„Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei, ich will ihm eine Hilfe machen, ihm zur Seite“(1. Buch Moses, 2,18). Ich will nicht behaupten, der Verfasser der zitierten Stelle habe mit seinen Worten gleichgeschlechtliche intime Beziehungen oder gar die gleichgeschlechtliche Ehe rechtfertigen wollen. Aber so viel, scheint mir, kann ich aus dieser Bibelstelle doch für die heutige Zeit schließen: daß Menschen nicht allein, ohne die Liebe, die Unterstützung und die Anregung eines Partners leben sollten.
Für mich steht fest, daß man sich nicht aussuchen kann, ob man schwul ist oder nicht. Wir wissen heute viel besser über die möglichen Ausdrucksformen der Homosexualität Bescheid. Und wir wissen, wie weit verbreitet Homosexualität tatsächlich ist. Aber uns ist ebenso klar, daß Homosexualität vielen weiterhin nicht als normal gilt, und wir machen uns nichts vor, was die Schwierigkeiten betrifft, die viele damit haben, offen zu ihrer Homosexualität zu stehen. Wir wissen heute, daß Schwule und Lesben ebenso zu monogamen und langjährigen Liebesbeziehungen fähig sind wie Heterosexuelle. Aber uns ist auch nicht entgangen, daß die offizielle Anerkennung und institutionelle Absicherung solcher Paare für viele religiöse Überlieferungen, für viele Regierungen und Gesellschaftssysteme nach wie vor schwierig ist. Mir ist zudem bewußt, daß die Gesetze und Bräuche des Judentums nicht plötzlich, sondern nach und nach in verschiedenen geschichtlichen Zusammenhängen entstanden sind. Ich glaube nicht, daß diese Gesetze und Bräuche der ausdrückliche Wille Gottes sind, auch wenn ich nicht leugne, daß sie für viele Juden zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten genau dies waren und sind. Für mich stellt die Halacha keine Autorität dar, nicht in dieser Zeit demokratischer Werte wie der Religionsfreiheit. Aber eine Inspirationsquelle ist die halachische Tradition dennoch für mich. Wie in jeder anderen Lebensfrage, so suche ich auch in dieser Frage Orientierung an den Worten und Taten der Juden, die vor mir gelebt haben und die jetzt mit mir leben. Daher steht für mich fest, daß das Judentum gleichgeschlechtliche Paare als normal anerkennen und ihnen einen Platz in der jüdischen Lebensform einräumen sollte. Als Rabbiner halte ich es für meine Pflicht, lesbischen und schwulen Paaren einen religiösen Rahmen zu bieten, in dem auch sie ihren Platz finden können. Als ich mich zum ersten Mal damit beschäftigte, war ich nicht sicher, ob Kidduschin, die traditionellen Verhaltensregeln für heterosexuelle Paare, dabei besonders hilfreich sein konnten. Wenn man es mit neuen Gegebenheiten zu tun hat, so dachte ich mir, braucht man dazu neue Rituale, die der Situation angemessen sind. Dann arbeitete ich mit den betreffenden Paaren, hörte mir ihre Geschichten an, ließ mir erzählen, wie sie selbst über ihre Liebesbeziehung und über ihren Wunsch nach Kindern dachten, und stellte fest, daß sie eben keine eigenen Rituale wünschen oder brauchen, sondern nach der Teilhabe an der normativen jüdischen Überlieferung streben. Sie selbst sprechen von Kidduschin. Nicht von Kidduschin im herkömmlichen Wortsinn, der auf die biblische und talmudische Verwendung des hebräischen Wortes kadesch zurückgeht, das soviel bedeutet wie „beiseite setzen“, „für sich nehmen“. Ihnen geht es nicht um das talmudische oder mittelalterliche Verständnis der Ehe, nach dem der Bräutigam eine Braut erwirbt, indem er ihr einen Ring an den Finger steckt und sagt: „harei at mekudeschet li“ – „Ich setze dich hiermit für mich beiseite …“ Gewiß zielt jede monogame Beziehung auf Ausschließlichkeit, aber sie läßt sich auch ohne die Vorstellung des Eigentums an seinem Partner verwirklichen. So wurde mir klar, daß diese Paare aus einem späteren, jedoch nicht weniger wichtigem Verständnis des hebräischen kadesch – heilig sein – heraus über die Kidduschin sprachen. Zwei Menschen, die sich zur Ehe zusammenfinden, können gemeinsam ein weit höheres Maß an Heiligkeit erreichen als jeder von ihnen für sich. Wenn ich das Gebot „heiligt euch“ ernst nehme, dann scheint es mir nur natürlich, alles zu tun, um alle Paare, auch lesbische und schwule, unter die Chuppa zu bringen, so daß sie einander mit Kidduschin heiligen können.

Rabbiner David Lazar ist Direktor von RIKMA, einem Ausbildungsprogramm für Führungskräfte in jüdischen Gemeinschaften in Israel

Contra: Verbotenes Terrain
von Rabbiner Baruch Rabinowitz, Deutschland

In jeder Gesellschaft existieren homosexuelle Paare und die jüdische bildet keine Ausnahme. Sie gehören zu unserer synagogalen wie zu allen anderen Gemeinschaften auch. Die demokratische Welt bietet jedem die Möglichkeit zu wählen, in welcher Form er/sie leben möchte, auch bezogen auf seine/ihre sexuellen Neigungen. Die Frage, die ich mir als konservativer Rabbiner stelle, ist nicht, ob Homosexualität anzuerkennen ist, sondern, ob ich aus religiöser Sicht eine Segnung dieser Paare befürworte. Die Problematik in der heutigen Debatte stellt sich im theologischen Bereich anders dar. Können wir einer Trauung homosexueller Paare zustimmen? Zunächst müssen wir feststellen, was ein Segen im Judentum ist. Erst danach, was Homosexualität nach jüdisch- theologischem Verständnis bedeutet. Wenn wir mit dem Begriff Segen nichts anderes als einen persönlichen Glückwunsch meinen, gibt es kein Problem. Nach unserer Tradition ist ein Segen aber viel mehr als ein menschlicher Wunsch. Der Talmud erklärt, daß ein Segen eine Kraft ist, die am Anfang eines geistigen Prozesses steht, die „Schechina“ (Gottes Präsenz) zu uns bringt und Seine Zustimmung ausdrückt. Es gehört zu unseren Privilegien, die Segenssprüche zu rezitieren und damit Seiner Liebe Ausdruck zu verleihen. Unsere Väter machen uns aber darauf aufmerksam, daß die überlieferte Ordnung des Segnens streng eingehalten werden muß, damit das eigentliche Ziel des Segens erreicht werden kann. Wenn wir diese Form nicht einhalten, machen wir uns schuldig nach dem zweiten Gebot: „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht mißbrauchen“ (2. Buch Moses, 20,7). Es scheint, daß das Verbot von Homosexualität in der Tora auf männliche Analbeziehungen begrenzt ist. Unsere Rabbiner haben auch unterschieden zwischen Homosexualität als Götzendienst und Homosexualität als eine Liebesbeziehung. Für lesbische Beziehungen gibt es keine ausdrücklichen Verbote, weder in Tora noch in Talmud, obwohl in Jewamot 76a diese Form der Beziehung als „unzüchtig“ bezeichnet wird. Um lesbische Beziehungen im biblischen Sinne richtig einschätzen zu können, müssen wir sie im Verhältnis zur damals polygamen Welt betrachten. Wir finden keine Stelle, die besagt, daß homosexuelle Beziehungen gleichzustellen sind mit heterosexuellen. Vielmehr heißt es im 3. Buch Moses 18,22 und 20,13 das „Liegen bei einem Manne“ sei eine Greueltat. Obwohl das Gesetz besagt, daß „ein Mann nicht mit einem anderen Mann liegen soll wie mit einer Frau“, kann es nur als ein Verbot für heterosexuelle Männer ausgelegt werden, eine sexuelle Beziehung mit einem Mann wie mit einer Frau zu führen. Es widerspricht dem Geist der jüdischen Auffassung einer sexuellen Beziehung. Dieses Thema wird in den Schriften sehr wenig behandelt, was zeigt, daß eine genaue Festlegung dessen, was verboten und erlaubt ist, unseren Vorfahren nicht notwendig erschien. Es scheint, daß für unsere Rabbiner allein die Tatsache, daß Gott die Menschen als Mann und Frau schuf und sie als erste sexuelle Partnerschaft segnete, ausreichend war, um alle anderen Formen der Partnerschaft auszuschließen oder zumindest als nicht gleichberechtigt anzusehen. Wenn wir die Tora als Offenbarung von Gottes Willen auffassen, dann ist ein Segen über ein homosexuelles Paar ein deutlicher Bruch der Gesetze. Gott hat Adam und Eva als Mitschöpfer gesegnet, denn nur so ist eine Nachkommenschaft im Bilde Gottes möglich. Kinder sind natürlich nicht das alleinige Ziel einer Ehe, denn auch heterosexuelle Paare können unfähig sein, Kinder zu haben. Das aber widerlegt nicht die Tatsache, daß bei einer homosexuellen Beziehung schon die biologischen Voraussetzungen Kinder ausschließen. Obwohl Kinder nur eine Komponente einer Familie im Judentum darstellen, ist jedes Paar dazu aufgefordert, Nachkommen zu zeugen und damit das erste Gebot der Tora zu erfüllen, das besagt: „Seid fruchtbar und mehret euch“. Eine Adoption ist etwas wunderschönes, aber sie kann die Erfahrung, die Frauen und Männer mit einer Schwangerschaft und einer Geburt machen, nicht ersetzen. In der heutigen Gesellschaft sind es die Menschen gewohnt, ihren Willen über den aller anderen, auch den Gottes, zu stellen. Das Judentum ist die Religion, in der das Gesetz und der Wille Gottes über allem steht. Wir diskutieren, mit welchem Segen wir wen segnen können, ohne uns an die Stelle Gottes zu setzen. Dies gilt jedoch nur für die Menschen, die das Judentum und die Tora ernst nehmen und in ihrer Tradition ihr Amt ausüben. Das Judentum lehrt uns, daß Gott uns mit freiem Willen geschaffen hat. Dieser Wille muß aber mit Konsequenz fortgeführt werden.
Das heißt: Menschen, die eine gleichgeschlechtliche Beziehung eingehen, sollen von uns nicht ausgeschlossen werden, müssen aber verstehen, daß diese Form von Beziehung nach biblischem Gesetz nicht als Familie angesehen und damit nicht in gleicher Weise gesegnet sein kann. Unseren besten Wünschen für homosexuelle Beziehungen steht nichts im Wege, der traditionelle jüdische Trausegen, den Gott uns gibt, ist jedoch exklusiv einer traditionellen jüdischen Familie vorbehalten.

Rabbiner Baruch Rabinowitz ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde in Wuppertal

msd42 03-04 2004

 
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