yachad-deutschland.de  

 

 



 

 

 

MSD 42

Bitten einer starken Frau:
Bertha Pappenheims Gebete neu aufgelegt

von Tova Yedia

Vom althergebrachten Traditionen hat sie nie viel gehalten: Die 1859 geborene Frauenrechtlerin Bertha Pappenheim war eine starke Persönlichkeit und suchte stets ihren eigenen Weg. Bedingungslos in ihrem Engagement für die Sache der Frauen, war sie in der männerdominierten Gesellschaft des wilhelminischen Kaiserreichs täglich gezwungen, neue Lösungen für Probleme zu finden, von denen sonst kaum jemand Notiz nahm. Ihre schonungslosen Streitschriften gegen Mädchenhandel und Prostitution waren skandalös und mit der Gründung des Jüdischen Frauenbundes im Jahr 1904 wurde sie die zentrale Figur der Emanzipation der Frauen.

Die Begründerin des Jüdischen Frauenbundes und wichtiger sozialer Einrichtungen kämpfte für ein neues Frauenbild innerhalb der jüdischen Tradition. Viele der Gebete sind in der Nazizeit geschrieben und wirken in ihrer Unbeirrbarkeit vor diesem Hintergrund um so stärker. Schon in der ersten Ausgabe erschienen die „Gebete“ mit einem Nachwort von Margarete Susman. Die Religionsphilosophin und Freundin Pappenheims, bildete einen anderen geistigen Pol in der jüdischen Frauenbewegung Deutschlands.

Es kann nicht überraschen, dass Bertha Pappenheim privat auch in der Religion ihren eigenen Weg ging. In ihren Gebeten verbindet sich eine tiefe Religiosität mit ganz modernen Auffassungen. Sie benennen Themen wie das Frausein, Mut zu Neuem, Verantwortungsbereitschaft, Einsamkeit und Altwerden. Sie schrieb für sich selbst kurze Gebete auf Deutsch, die stilistisch auf der Höhe der Zeit sind. Dreimal sind Bertha Pappenheims Gebete erschienen – jedesmal unter anderen historischen Bedingungen: 1936 – 1946 - 1954. Die drei Erscheinungsdaten beschreiben gleichsam die Exilgeschichte der jüdischen Frauenbewegung Deutschlands. 1936, kurz nach Pappenheims Tod, wurden sie zum letztmaligen Zeugnis einer großen geistigen Persönlichkeit, die das deutsche Judentum entscheidend mitgeprägt hatte. Pappenheims Mitstreiterinnen im Jüdischen Frauenbund, die noch rechtzeitig aus Nazi-Deutschland fliehen konnten, nahmen die Gebete jedoch mit ins Exil. 1946 wurden sie in New York neu verlegt: In Deutsch mit englischer Übersetzung und setzten einen Kontrapunkt in der jüdischen Frauenbewegung Amerikas. Die wenigen jüdischen Frauen, die nach der Shoa nach Deutschland zurückkehrten, brachten auch die Gebete wieder mit zurück. Kurz nach dem Wiederentstehen des Jüdischen Frauenbundes erschienen sie 1954 zum dritten Mal und gaben Überlebenden Mut und Inspiration für den Wiederaufbau. Aber auch im jetzigen Erscheinungsdatum spiegelt sich jüdische Frauengeschichte wider. Die Herausgeberinnen - Rabbinerin Elisa Klapheck und Lara Dämmig - sind Begründerinnen der jüdischen Fraueninitiative „Bet Debora“, die sich mit europaweiten Rabbinerinnentagungen für die Erneuerung des Judentums einsetzt. Bewußt beziehen sie sich dabei auch auf das Erbe vorangegangener Generationen. So hat Elisa Klapheck im Verlag Hentrich & Hentrich bereits das Werk der ersten Rabbinerin Deutschlands, Regina Jonas, herausgegeben („Fräulein Rabbiner Jonas. Kann eine Frau das rabbinische Amt bekleiden?“ 1999/2000). Das aktuelle „Gebete“-Buch enthält darüber hinaus eine ausführliche Einleitung und Kommentierung durch die Herausgeberinnen sowie einen Essay der Mitarbeiterin der Gedenkstätte Bertha Pappenheim in Neuisenburg, Noemi Staszewski. Auch dieser Band erschien in Deutsch, zusammen mit den englischen Übersetzungen von 1946 sowie mit Faksimiles von Pappenheims handgeschriebenen Gebeten, die in der Ausgabe von 1936 erschienen.

Bertha Pappenheim: Gebete. Hrsg. von Elisa Klapheck und Lara Dämmig, mit einem Nachwort von Margarete Susman. Deutsch-Englisch.
Verlag Hentrich und Hentrich, Teetz 2003. 70 S. , 14 Euro .

Die Gebete der Bertha P.
Bertha Pappenheim meditiert mit Gott

(Quelle: Berliner Zeitung, von Gunda Wöbken-Ekert)

„Mein Gott, du bist kein Gott der Weichheit, des Wortes und des Weihrauchs, kein Gott der Vergangenheit. Ein Gott der Allgegenwart bist du. Ein fordernder Gott bist Du mir. Du heiligst mich mit deinem Du sollst“.
Diese Worte schreibt Bertha Pappenheim am 14. November 1935. Ihr Gebet endet mit der Bitte: "Fordere, fordere, damit ich jeden Atemzug meines Lebens in meinem Gewissen fühle, es ist ein Gott“.

Über 2000 Gebete und Denkzettel hat die Begründerin des Jüdischen Frauenbundes innerhalb von 16 Jahren geschrieben. Die Meditationen - die kurz nach dem Tod Pappenheims 1936 in Deutschland, dann von einigen ihrer Weggefährtinnen im Exil 1946 in New York und zuletzt von Überlebenden 1954 wiederum in Deutschland herausgegeben wurden - sind nun in einer Auswahl neu erschienen. Aufregend sind die Gebete auch für den Leser 2003. Sie zeigen die andere, spirituelle Seite einer Frau, die den meisten nur als legendärer Fall aus der Geschichte der Psychoanalyse bekannt ist - als Patientin "Anna O.". Vor allem aber vermitteln sie ein Stück jüdischer Frauengeschichte, die in den vergangenen Jahren erst langsam wiederentdeckt wird.

Fest in der Tradition stehend, verbindet die tief religiöse Pappenheim mit ihrem Glauben stets eine konkrete soziale und gesellschaftliche Verantwortung, die sie Frauen genauso selbstverständlich zuerkennt wie den Männern. In diesem, heute würde man sagen, feministischen, Selbstverständnis tritt sie Gott gegenüber. Und natürlich den Männern ihrer Zeit. Dem bekannten Frankfurter Rabbiner Anton Nehemia Nobel ringt sie bereits 1919 das Zugeständnis ab, dass Frauen fortan für Ämter in den jüdischen Gemeinden kandidieren dürfen. Martin Buber beeindruckt sie so, dass er sie an ihrem Grab als "weiblichen Mose“ bezeichnet.

In einer ausführlichen Kommentierung ordnen die Herausgeberinnen Elisa Klapheck und Lara Dämmig die Gebete in das Schaffen und Denken Pappenheims ein und geben damit zugleich einen neuen, weil aus weiblicher Perspektive gewonnenen Einblick in das jüdische Leben in Deutschland vor der Shoa. Nur manchmal hätte man sich eine bessere Einordnung in die politischen Verhältnisse gewünscht. Immerhin sind viele Gebete, wie das eingangs zitierte, nach dem Erlass der Nürnberger Gesetze geschrieben.

bet-debora.de
bet-debora.de/2001/juedische-familie/konz.htm

msd42 03-04 2004

 
Die aktuelle
Ausgabe:



Übersicht

 


glbt.israel-live.de

yachad-deutschland