MSD 43

Our Munich 07-2004
Ein reiches Leben:
HARRY RAYMON im Gespräch mit Our Munich
Der Schauspieler Harry Raymon kann auf ein
reiches und bewegtes Leben zurückblicken. Im Jahr 1926 wurde er
in Deutschland, im Hunsrück, geboren. Im Alter von neun Jahren
emigriert Harry mit seiner alteingesessenen, jüdischen Familie
noch rechtzeitig nach Amerika. Gegen Kriegsende kehrte er mit
der US-Army ins zerstörte Deutschland zurück. In Frankreich
beginnt er daraufhin eine Theater- und Pantomimenausbildung und
gründet in den fünfziger Jahren ein pantomimisches Theater. Eine
Beziehung zu einem Mann bringt in zurück nach Deutschland und
vor 40 Jahren hat er sich in München niedergelassen.
Altwerden ist eine schleichende Angelegenheit
OM: Lebst Du in einer Beziehung?
HR: Nicht mehr.
Mein letzter Liebhaber, mit dem ich acht Jahre zusammen war,
stieg am Tag seines Geburtstags aus dem Bett, nahm sein Geschenk
in Empfang und verschwand. Erst nachdem ich mich telefonisch bei
ihm gemeldet hatte, habe ich erfahren, dass sein Abgang die
Trennung und damit das Ende unserer Beziehung bedeutete. Dies
machte mir bewußt; nun bin ich alt. Meine Lover waren immer
jünger als ich. Die letzten die ich hatte, halb so alt und alle
meine Liebesbeziehungen waren langjährige Partnerschaften, die
meinen Lebensweg stark mitbestimmt haben. Ohne Kerl wäre ich
beispielsweise damals zurück in die USA gegangen. Heute ist es
mir ein kleiner Trost, dass wenigstens mein drei Jahre älterer
Bruder nun mit 78 Jahren die Frau seines Lebens gefunden hat.
OM: Wie empfindest Du das Älterwerden?
HR: Zunächst, ich
bin ja nun zum ersten Mal alt und so war ich überhaupt nicht auf
die Umstände vorbereitet. Man hat ja keine Möglichkeit, sich
tatsächlich auf das Älterwerden vorzubereiten. Man wird es
einfach. Das ist ein großes Manko, denn es müßte vielmehr ein
Lernprozess sein. Das Altwerden ist eine schleichende
Angelegenheit. Die Haut verändert sich und der Sexualtrieb ist
nicht mehr der, der er einmal war. Ich sehe kaum mehr Leute auf
der Straße, nach denen ich mich umdrehen müßte. Und die
Jugendlichen mit ihren Schlabberhosen ohne Arsch läßt mich
überlegen, ob ich nicht auf meine alten Tage den Versuch machen
sollte, hetero zu werden. Aber ernsthaft, es ist eine neue
körperliche Erfahrung für mich alt zu werden; alt zu sein.
Was tut man, um sich brauchbar zu machen?
OM: Wie würdest Du Dein Jüdischsein
definieren?
HR: Ich empfinde
den jüdischen Glauben, ebenso wie alle anderen
Glaubensrichtungen, als etwas überflüssiges, das auf Märchen
basiert. Und trotzdem, die deutsch-jüdische, liberale,
Umgebung hat mich geprägt. Durch meine Erziehung und meine Gene
fühle ich mich als Jude. Der hier waltenden Orthodoxie stehe ich
fremd und skeptisch gegenüber. Ich bin überhaupt nicht religiös
und zahle dennoch meine Synagogensteuer.
OM: Zusammen haben wir uns jahrelang im
Vorstand der jüdischen Lesben- und Schwulengruppe Yachad
engagiert. Wie siehst Du heute Dein Verhältnis zu Yachad?
HR: So wie ich
meinen Beitrag zur Gemeinde leiste weil es sein muß, leiste ich
selbstverständlich auch meinen Beitrag zu Yachad. Weil auch das
sein muß und weil das Sein wichtig ist. Es ist wichtig, eine
Gruppe jüdischer Lesben und Schwuler gerade in Deutschland
zu haben. Ich finde es bemerkenswert, was Du in all den Jahren
für die Gruppe organisiert hast, ansonsten muß ich leider sagen,
dass es keinen in der Münchner Gruppe gibt, der meine Interessen
teilt. Ich finde unter den Mitgliedern niemand der, wenn Du so
willst, meine Wellenlänge hat. Natürlich kann das einfach
altersgegeben sein. Trotzdem werde ich die Arbeit von Yachad
immer unterstützen und werde ein treues Mitglied bleiben.
OM: Gibt es andere Gruppen in denen Du
aktiv bist?
HR: Nein. Ich war
natürlich mal bei der Gruppe der älteren Schwulen, Gay & Gray,
doch das dortige Programm entspricht m.E. mehr dem
Einfallsreichtum in einem Altersheim. Da gab es den Vortrag
eines Ernährungsspezialisten zur Förderung der korrekten
täglichen Darmentleerung. Da bin ich dann doch nicht mehr
hingegangen.
OM: Was machst Du mit der vielen Freizeit?
HR: Ich besuche
verschiedene Kurse um mich zu beschäftigen, gehe regelmäßig ins
Fitness-Studio. Ich hätte an dieser Stelle gleich einen
Vorschlag. Eine Gruppe zu etablieren, in der Ältere Techniken
der Selbstverteidigung erlernen können. Vielleicht gibt es ja
Zuschriften an die Redaktion. Das Reisen ist mittlerweile ohne
Partner reizlos für mich geworden.
OM: Welche Pläne hast Du für die Zukunft?
HR: Früher habe
ich Theater gespielt, Filme gemacht und Drehbücher geschrieben.
Zwanzig Jahre habe ich mich überhaupt mit dem Schreiben befasst.
Es gibt den autobiografischen Roman Wohin zurück? und im
Moment beschäftige ich mich damit, ein Buch über mein Wohnhaus
zu verfassen. Das Haus im Glockenbachviertel wird der Titel
sein. Abgesehen davon, versuche ich irgendwie durchzukommen.
Mache hier und da ein wenig Film- und Werbeaufnahmen.
Lieber Harry, vielen Dank fürs Gespräch
und den fruchtigen Tee in gemütlicher Umgebung. Sei gesund, ad
mea weesrim shana, bis 120!
msd-43 juni/juli 2004 |